Jekaterinburg oder die Extreme der Geschichte

Die Russische Meisterschaft im Eiskunstlauf führte mich im Dezember an den Weihnachtstagen nach Jekaterinburg im Ural. Mit rund 1,4 Millionen Einwohnern ist Jekaterinburg die viertgrößte Stadt Rußlands, ein kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der Region.

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Eines der schönsten historischen Häuser in Jekaterinburg

Für mich ist diese Stadt aber aus historischer Sicht interessant. Ich habe im Hauptfach Osteuropäische Geschichte studiert, mein Schwerpunkt lag auf russischer Geschichte. Ich habe mich schon in meiner Schulzeit sehr für Rußland und seine Geschichte interessiert und Bücher um Bücher über die Zarinnen und Zaren wie Peter den Großen, Elisabeth, Katharina die Große und Alexander I. verschlungen. Die Regierungsdaten aller Zaren der Romanov-Dynastie konnte ich auswendig (heute kriege ich nicht mehr alle zusammen) und ich wußte, welche Liebhaber Zarin Katharina II. hatte – die wurden immer jünger, je älter sie wurde, sie war eine emanzipierte Frau 😉  .

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Rathaus in Jekaterinburg

Das Schicksal des letzten Zaren Nikolaus II. und seiner Familie hat mich auch immer interessiert und berührt. In der Kurzfassung: Nikolaus heiratete die deutsche Prinzessin Alix von Hessen-Darmstadt, sie bekamen fünf Kinder (vier Töchter Olga, Tatjana, Maria und Anastasia und endlich den lang ersehnten Thronfolger Alexej, aber er war bluterkrank). Nach der Februar-Revolution 1917 dankte der Zar ab. Er und seine Familie wurden im August 1917 nach Sibirien bzw. in den Ural gebracht, zuerst nach Tobolsk und dann, nach der Machtübernahme der Bolschewiki (Kommunisten) unter Lenin im Frühjahr 1918, nach Jekaterinburg. Die bolschewistische Regierung beschloß, die Zarenfamilie ermorden zu lassen. In der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 ließen die Bewacher den Zaren, seine Frau, die Kinder im Alter von 13 bis 22 Jahren und ihre letzten Diener in den Keller des Hauses, in dem sie interniert waren, rufen und erschossen bzw. erstachen sie dort. Die Leichen wurden teilweise verbrannt und in Schächten außerhalb der Stadt verscharrt. Das Verbrechen war lange ein Tabu, aber nicht wirklich geheim, denn noch in der Sowjetzeit pilgerten Monarchisten nach Jekaterinburg zu dem Ipatjew-Haus (benannt nach seinem früheren Besitzer), so daß Boris Jelzin, damals Parteichef in Jekaterinburg, es 1977 abreißen ließ.

In den Jahren 2002/03 wurde die „Kathedrale auf dem Blute“ an der Stelle errichtet, an der einst das Haus stand. Diese Kirche konnte ich nun besichtigen. Es war für mich schon ein spannendes Gefühl,  diesen Ort zu betreten, an dem die Menschen ermordet worden waren, über deren Leben und Schicksal ich so viel gelesen hatte. Ich hatte erst abends Zeit, daher war es schon dunkel. Draußen vor der Kirche erinnern große Phototafeln an die Geschichte der Zarenfamilie. Im Gewölbe der Kirche lief ich durch mit bunten Bildtafeln und Photos geschmückte Räume, die das Leben der Zarenfamilie dokumentieren. An einer Wand in der Kirche hängen Gedenktafeln aus Stein, für jedes Mitglied der Familie eine.

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Die Kathedrale auf dem Blute

Die orthodoxe Kirche hatte den Zaren und seine Familie im Jahr 2000 als Märtyrer heiliggesprochen. So extrem ist die Geschichte – von der  verfemten Zarenfamilie, die grausam ermordet und verscharrt wurde zu Heiligen. Die Gebeine des letzten Romanov-Zaren und seiner Familie wurden übrigens 1991 geborgen, per DNA-Analyse eindeutig identifiziert und 1998 in der Peter-und-Paul Kathedrale in St. Petersburg beigesetzt.

 

 

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