Mein Moskau

Moskau und ich, wir kennen uns seit bald 30 Jahren. Im Sommer 1987, also noch zur Zeit der Sowjetunion, unternahm ich meine erste Reise nach Rußland. Mit meiner Schulfreundin Susanne und ihrem Cousin Martin waren wir aufgebrochen, um mit der Transsibirischen Eisenbahn nach China zu reisen. Das war ein tolles Abenteuer, wenn ich heute daran zurückdenke, kommt es mir fast vor wie als wären wir mit dem Orientexpress gereist. Zu dritt fuhren wir im Zug von Köln bis Budapest, von Budapest nach Moskau, von Moskau nach Peking, und wir hatten ein paar Tage Aufenthalt in der Hauptstadt der Sowjetunion, die sich etwas unbequemer gestalteten als gedacht.

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Blick auf Moskau von den Sperlingsbergen

Seitdem war ich fast jedes Jahr mindestens einmal in Moskau, auf der Durchreise, beim Eislaufen, bei Freunden. Es ist spannend zu beobachten, wie sich diese Stadt verändert hat, was sich verändert hat und was auch nicht. Damals, Ende der80er, erlebten wir noch die berühmten leeren Restaurants, an denen ein Schild hing „Keine Plätze frei“, obwohl sich nur ein paar Kellner zwischen den Tischen verloren, aus dem einfachen Grund, daß es nichts zu bestellen gab. Wir wollten in unserer Verzweiflung zu McDonalds, die erste Filiale in Rußland hatte auf dem Puschkin-Platz eröffnet, vielleicht war sie damals sogar die größte der Welt, wer weiß. Jedenfalls war sie nicht groß genug, um den Andrang zu bewältigen. Eine riesige Schlange wand sich über den Platz, im Zaum gehalten von metallenen Absperrgittern, und manche Leute verwahrten ihre mühsam ergatterten Cola-Plastikbecher und Burgerschachteln später als Trophäen zu Hause. Ich habe es selbst gesehen, sonst hätte ich es nicht geglaubt. Entmutigt drehten wir ab. Eine Stunde oder mehr anstehen für einen Cheesburger? Nein, danke! Wir deckten uns lieber mit Brot und Käse im Lebensmittelgeschäft ein – und staunten über die Umständlichkeit: erst an der Theke auswählen, abwiegen lassen, dann an der Kasse bezahlen und mit dem Bon die Ware an der Theke abholen. Heute gibt es an fast jeder Ecke in Moskau einen McDonalds, dazu natürlich noch alle möglichen anderen Imbisse und Restaurants, viele Ketten, die italienische, georgische, europäische, japanische, russische Küche offerieren. Aus Mangel wurde Überfluß, aus Eintönigkeit Vielfalt.

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Der Alexandergarten am Kreml

Selbst der Rote Platz hat sich verändert. Klar, der Kreml, die bunte Basilikus-Kathedrale, das Kaufhaus GUM und das Lenin-Mausoleum sind noch da, wo sie immer waren. Aber vor dem Mausoleum gibt es keine Schlange und keine Ehrenwache mehr und das historische Tor zum Roten Platz sowie eine kleine Kirche, die einst abgerissen wurden, sind wieder aufgebaut worden. Wir standen damals auch am Lenin-Mausoleum, um den berühmten Wachwechsel zu beobachten, den Soldaten im Stechschritt absolvierten. Es herrschte ein ziemliches Gedränge und Geschubse und Martin, ein großer, kräftiger Kerl, hatte irgendwann genug und herrschte einen der Drängler im schönsten rheinischen Dialekt an: „Hör et op, sonst schlach ich dir en Trepp in de Hals, da kannste das Essen rafftrage“ (man möge verzeihen, wenn ich es nicht ganz korrekt lautsprachlich wiedergebe). Die Umstehenden kapierten natürlich nichts, aber Susanne und ich konnten gar nicht mehr aufhören mit Lachen. Wir lachten Tränen, die anderen Leute wurden ärgerlich, wie konnten wir es wagen, die ernste Atmosphäre des hochheiligen Wachwechsels mit unserem Gelächter zu entweihen.

 

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Der Rote Platz mit Lenin-Mausoleum, Kreml und Basiliuskathedrale

Was sich kaum verändert hat, ist die majestätische Moskauer Metro, von jeher der Stolz der Hauptstadt, meiner Meinung nach einer der sichersten, saubersten und zuverlässigsten U-Bahnen der Welt. Ich glaube, ich habe noch nie gesehen, daß jemand auch nur ein Bonbonpapier auf den Boden geworfen hätte. Die prächtigsten Stationen sind die alten, insbesondere auf der Ringlinie, Tempel aus Marmor, hohe Hallen gepflegt, geputzt, gewienert, mit Mosaiken, Reliefs oder Skulpturen verziert, mit großen, breiten, glatt gesessenen Holzbänken versehen. Die neueren Stationen am Rand sind schlichter und rein funktionell. Erst kürzlich renoviert und in alter Pracht wieder hergestellt wurde die Station „Prospekt Mira“ auf der Ringlinie. Etwa 20 Stunden am Tag, von halb fünf in der Früh bis ein Uhr nachts, donnern die Züge durch das wachsende Netz, zu Spitzenzeiten im Minutenabstand. Auf vielen Linien verkehren noch die alten grünlichen Waggons mit den braunen Lederpolsterbänken, dazwischen sieht man neue und auch immer mal wieder Sonderwaggons, die einem Thema gewidmet sind. Wie früher noch da sind die Aufsichten am Ende der oft meterlangen Rolltreppen, die per Lautsprecherdurchsagen Passagiere ermahnen, sich richtig einzuordnen. Jede Menge Wach- und Putzpersonal bevölkert die Metro. Die Modernisierung macht vor der Metro jedoch nicht halt: In einigen Zügen gibt es mittlerweile sogar WiFi und statt mit Jetons (oder ganz früher der berühmten 5-Kopeken-Münze) zahlt man heute mit Karte.

 

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Die Lomonossov Universität

Natürlich wurde in Moskau viel gebaut, entstanden in den Boomjahren spiegelverglaste Hochhäuser, luxuriöse Apartmentgebäude, neue Sportstadien. Immer noch ragen an vielen Stellen Baukräne in die Höhe. Dazwischen aber haben genauso noch die alten Häuser ihren Platz, die prachtvollen der Stalinära, die einfacheren der Chrushchev-Zeit und die wuchernden Plattenbauten am Stadtrand, die schon abbruchreif aussahen, kaum nachdem die ersten Bewohner eingezogen waren. Die berühmten Innenhöfe sind heute oft kleine Parkanlagen mit gepflegten Spielplätzen statt vernachlässigte Grünflächen voller Unkraut. Einige Moskauer haben kunstvolle Vorgärten angelegt. Überhaupt ist Moskau viel lebenswerter geworden, entstanden Fußgängerzonen mit Bänken und Brunnen, Grünanlagen mit Blumenbeeten. Sauberer ist es geworden, ich weiß noch, wie dreckig und versmogt die Luft vor einigen Jahren war, das hat sich auf jeden Fall gebessert. Es gibt sogar – undenkbar früher – Fahrradstationen mit Leihrädern. Das muss ich auf jeden Fall einmal ausprobieren, allerdings sind bisher nur wenige Radwege angelegt worden. Verkehrsinfarkt und Stau gehören nach wie vor zum Alltag der Moskauer.

 

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Das Kaufhaus GUM

Fast genau 29 Jahre nach unserer großen Reise mit der Transsib waren meine Schulfreundin Susanne und ich jetzt im Mai wieder zusammen in Moskau. Sie war mit ihrem Mann auf dem Weg zum Baikalsee zu einem Tauchurlaub mit Zwischenstation in der russischen Hauptstadt. In Deutschland hatten wir uns seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen, aber der Kontakt riss nie ganz ab. Es war lustig, wieder zusammen über den Roten Platz und durch das GUM zu bummeln. Susanne war seit damals nicht mehr in Moskau gewesen und hatte kaum Erinnerungen an die Stadt, hatte sie nur als grau im Gedächtnis. Wir standen vor dem nun unbeachteten Lenin-Mausoleum und lachten wieder über Martins Spruch.

 

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Mit meiner Freundin Susanne in Moskau

Damals übrigens hatten wir auf der Rückreise ein paar Tage Aufenthalt in Moskau und mussten am Jaroslawer Bahnhof übernachten, mit anderen gestrandeten Reisenden, denn als „Westler“ ließ man uns nicht in die billigen Hotels für Einheimische, Hostels gab es noch nicht und die Devisenhotels wie das „Intourist“ waren uns zu teuer. So campierten wir neben Tadschiken und anderen Sowjetbürgern, nachts aufgescheucht von der Putzkolonne und zogen tagsüber durch die Stadt. Ich weiß noch, wie ein junger Mann aus dem Baltikum uns am Bahnhof ansprach, er kam aus Litauen, als er uns Deutsch reden hörte. „Aus welcher Republik kommt denn ihr?“ Er meinte natürlich Sowjetrepublik und staunte nicht schlecht, als ich ihm Martins Antwort übersetzte: „Aus der Bundesrepublik.“

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Kremlturm

Auf der Photoseite sind noch ein paar mehr Bilder aus Moskau.

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