Rio 2016: Einstürzende Neubauten

Ja, ich gebe zu, das ist jetzt ein sehr reißerischer Titel. Aber ich konnte nicht widerstehen. 😉 (und die gleichnamige Musikband möge mir die „Anleihe“ verzeihen)

Die Brasilianer geben sich viel Mühe, viele Sportstätten sehen super aus, Rio ist eine faszinierende Stadt und bietet eine tolle Kulisse, aber man merkt doch immer wieder, daß Brasilien ein Land ist, das in einer wirtschaftlichen und politischen Krise steckt.

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Die Christusstatue im Morgennebel

Man kann lange darüber diskutieren – soll so ein Land wie Brasilien ein Großereignis wie die Olympischen Spiele ausrichten? Wäre das Geld nicht besser in Schulen, Krankenhäuser und Infrastruktur investiert als in Sportstätten? Oder bringen die Investitionen und das olympische „Erbe“ den Brasilianern so viel, daß es den Aufwand rechtfertigt? Ich finde, eher nein. Andererseits muß ich sagen, daß das Land, als es sich bewarb und vor sieben Jahren den Zuschlag erhielt, im Aufschwung befand. Die Abwärtsspirale setzte erst später ein.

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Mit der Zahnradbahn fuhren wir nach oben

Es gab in Brasilien durchaus Proteste gegen die Olympischen Spiele. Besonders der ohnehin vergleichsweise wohlhabende Stadtteil Barra da Tijuca profitiert von Rio 2016, unter anderem mit einer neuen Metrolinie, die gerade noch rechtzeitig fertig wurde und am 1. August ihren Betrieb aufnimmt.  Außerdem gibt es Schnellbuslinien auf eigenen Fahrspuren (BRT), die wie die U-Bahn ungestört von Staus vorankommen. Angeblich sollen 65 Prozent der Bewohner Rios von den Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur profitieren. Ich hoffe mal, das stimmt.

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Ein wolkennebelverhangener Blick auf Rio

Aber man merkt eben schon, dass die Gebäude schnell hochgezogen wurden und die Qualität erst an zweiter Stelle kommt. Dazu las ich einen kritischen Artikel über den Bau unseres Mediendorfes Barra Village 3 (BV3). Zum einen sollen massenhaft Bäume abgeholzt worden sein (BV3 grenzt direkt an bewaldete Hügel), zum anderen seien die Arbeiter „wie Sklaven“ behandelt und ausgebeutet worden. Und zu allem Überfluß soll BV3 (passenderweise) auf einem ehemaligen Sklavenfriedhof errichtet worden sein. Wir haben aber nachts noch keine Zombies im Dorf rumlaufen sehen (die sehen wir sicher am Ende der Spiele, wenn erschöpfte Journalisten umherschleichen).

P1190650 kleinDer Zuckerhut ließ sich zwischendurch mal blicken

In unserem Dorf hatten einige Leute Probleme mit nicht vorhandenem heißen Wasser oder verstopften Abflüssen. Drei Betten sind auch schon zusammengekracht, zwei davon mitten in der Nacht. Und die drei Männer waren alle keine Schwergewichte (und versicherten, allein im Bett gewesen zu sein). Das Olympische Dorf war wohl auch noch nicht ganz fertig, als die Australier als eine der ersten Mannschaften dort einziehen sollten. Sie weigerten sich erst einmal. Der Bürgermeister von Rio machte sich darüber lustig und schlug vor, den Australiern ein Känguruh zu geben, damit sie sich wohler fühlten. Witze über Känguruhs kommen bei Australiern aber nicht gut an. Der Bürgermeister entschuldigte sich später und bekam ein Känguruh-Stofftier geschenkt. Die Australier traf es dann auch am Freitag, als sie wegen eines Mülltonnenbrandes ihre Zimmer verlassen mussten. Der Feueralarm sei abgeschaltet gewesen, berichtet die Webseite Inside the Games, und als sie Australier in ihre Zimmer zurückkamen hätten sie entdecken müssen, dass einige Laptops und Kleidungsstücke gestohlen worden seien. Der Präsident des georgischen Judoverbands sagte mir, ich solle besser nicht nach den Bedingungen in der Unterkunft fragen, seine Jungs hätten nicht mal duschen können. Dann fügte er hinzu: „Aber wir sind für Medaillen hierhergekommen, nicht für den Komfort.“

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Frühstück nicht bei Tiffanys, sondern auf dem Corcovado

Vor einigen Wochen hatte eine Flutwelle einen Teil der olympischen Radrennstrecke, die spektakulär an der Küste entlangführt, unterspült und weggerissen. War es Pfusch am Bau? Die Strecke haben sie repariert, ich hoffe, es hält alles. Bei den Seglern ist eine Rampe zusammengebrochen, wie ich heute in unserem Info-System las.
Das klingt jetzt alles ein wenig chaotischer, als es wirklich hier ist. Das sind sicher alles Einzelfälle, Probleme gibt es überall bei einer Veranstaltung von dieser Größenordnung. Einige Zwischenfälle sind jedoch sicher auch auf eine gewisse Überforderung zurückzuführen.

Heute früh bin ich mit einigen anderen zur Christusstatue gefahren. Auch wenn es recht wolkig war, bekamen wir einen Eindruck vom tollen Panorama der Stadt und die Wolken gaben dem sogar einen besonderen Reiz. Die Bilder in diesem Beitrag stammen von dem heutigen Ausflug und sind sicher schöner als die von zusammengekrachten Betten.  🙂

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Blick aus dem Zug auf der Rückfahrt – unten hatte es schon aufgeklart
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