Weiter geht’s

Das Ende der Olympischen Spiele ist bereits absehbar, viele Sportarten sind schon fertig. Gestern, am Mittwoch, hat Taekwondo allerdings erst angefangen. Davor aber war ich bei der Leichtathletik und beim Ringen im Einsatz.

Der eigentlich einzige wettkampffreie Tag wäre der 13. August für mich gewesen, doch wie gesagt, wurde ich den ganzen Tag ins Olympische Stadion zur Leichtathletik geschickt. Einerseits ist das auch interessant, andererseits hätte ich lieber noch ein paar Taekwondo-Stories gemacht und einen ruhigen Tag genossen. Aber egal. Ich fuhr also ins Stadion. Am Vormittag standen Vorläufe und auch die Entscheidung im Diskuswurf an, abends dann Halbfinals, Vorläufe, Entscheidungen im Siebenkampf, Männer 1500m, Frauen 100m, Weitsprung.

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Das Olympiastadion – die Ruhe vor dem Sturm

Die Mixed Zone in der Leichtathletik ist riesig und es dauert lange, bis die Sportler von draußen die ganzen TV-Stationen durchgelaufen haben, bis sie in den Bereich für die schreibende Presse kommen. Das gilt natürlich vor allem für Stars wie Usain Bolt, den nun wirklich jeder interviewen will. Der Mann könnte eigentlich sein erstes Interview auf ein Diktiergerät aufnehmen und dann immer wieder abspielen. J

Wir vom Olympic News Service haben zwei Leute beim OBS (Olympic Broadcast) stehen, die dort die ersten Zitate sammeln. Ich wurde in der zweiten Mixed Zone eingesetzt, was eigentlich besser ist, denn da kann man auch mal selbst Fragen stellen und steht nicht nur dabei und hört zu. Da ich mich nicht so gut in der Leichtathletik auskenne und von den Wettbewerben selbst gar nicht viel mitbekomme, ist es aber nicht so einfach, schlaue Fragen zu stellen. J Denn es laufen zwar Fernseher in der mixed zone, aber wir sind ja damit beschäftigt, aus dem ständigen Strom der Sportler unsere „Opfer“ herauszufischen und deren Zitate dann zu verarbeiten. Unser Mann auf der Tribüne schickt uns Nachrichten, wer gewonnen hat, Name, Bib Nummer, ob was Besonderes passiert ist etc.

Am Vormittag war es nicht so hektisch, da hatte ich sogar Zeit für ein kleines Interview und einen kleinen Artikel über eine 16 Jahre alte Läuferin aus Qatar, deren Mutter und Großmutter schon im 400m Lauf gestartet sind, allerdings für Marokko. Das junge Mädchen war selbstbewußt und trug kein Kopftuch, rannte in Leggings und erzählte, daß in Qatar auch Leistungssport für Frauen gefördert wird. Es sind eben nur dumme Fanatiker, die muslimische Frauen und Mädchen vom Sport ausschließen wollen.

 

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Carioca 2 ist nun die Ringerhalle

Dann war plötzlich das Ergebnis im Diskus da, Christoph Harting hatte überraschend gewonnen (sein berühmter Bruder Robert, der Olympiasieger von 2012, war verletzungsbedingt schon in der Qualifikation ausgeschieden), Dritter wurde ein anderer junger Deutscher, Daniel Jasinski. Harting benahm sich merkwürdig, wollte keine Interviews geben und hampelte bei der Siegerehrung auf dem Podium herum. In der Pressekonferenz sagte er schnippisch, er sei eben keine PR-Person und ihm sei egal, was andere über ihn denken. Die Pressekonferenz war vorbei, nachdem ein englischsprachiger Reporter ihn auch noch mit „Robert“ ansprach. Natürlich wurde Christoph Harting heftig für sein Verhalten kritisiert, zu Recht. Er muß ja keine Fragen zu seinem Privatleben beantworten, aber als Leistungssportler auf hohem Niveau und jetzt auch noch Olympiasieger hat er eine Vorbildfunktion und sollte wenigstens kurze Interviews zur Sache geben und seine Wettkampf kommentieren. Letztendlich war er aber wohl schlichtweg mit der Situation überfordert und hat das auch später eingesehen und sich entschuldigt. Der Bronzemedaillengewinner Jasinski kam viel sympathischer rüber. Er ist polnischer Abstammung und spricht Polnisch, was die polnischen Medien freute, denn der Silbermedaillengewinner war auch ein Pole. Daniel Jasinski sagte in der Pressekonferenz sogar etwas auf Polnisch, mit einem lustigen deutschen Akzent.

Am Abend wurde es dann richtig hektisch. Im Halbfinale der 400m durfte ich mich auf eigenen Wunsch um Wayde van Niekerk aus Südafrika kümmern. Nur ich und eine Handvoll südafrikanischer Journalisten wollten mit ihm sprechen, obwohl er Weltmeister ist (ich erinnert mich noch gut, wie er im letzten Jahr in Peking nach seinem Lauf erschöpft zusammengebrochen war), denn er hatte keine so grandiose Zeit. Am nächsten Tag, als er mit Weltrekord Olympiasieger wurde, war das Interesse an ihm größer. J Auch auf den Silbermedaillengewinner im Weitsprung aus Südafrika wartet außer mir, also dem Olympic News Service, so gut wie niemand, so daß ich ihn fast alleine interviewen konnte. Ansonsten war ich noch bei Shelley-Ann Fraser Pryce, die im 100m Lauf noch einmal Bronze gewann und ein paar anderen wie der Olympiasiegerin im Siebenkampf, einer Belgierin. Bis wir mit allem durch waren, war es 1.30 morgens und wir brauchten noch eine Stunde für den Heimweg.

Das Olympiastadion war leider nicht sehr gut besucht. Vielleicht sind die Tickets zu teuer, vielleicht ist auch einfach das Interesse der Brasilianer an der Leichtathletik nicht so groß.

 

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Deutsch-türkische Freundschaft beim Ringen 🙂

Am nächsten Morgen mußte ich schon zum Ringen. Ringen finde ich, ehrlich gesagt, nicht so attraktiv. Aber na ja, muß halt auch sein. Im griechisch-römischen Stil dominieren Sportler aus Rußland und ehemaligen Sowjetrepubliken sowie dem Nahen Osten. Der Vorteil ist, daß viele Russisch sprechen. Das kommentierte ein russischer Kollege mit den Worten „Dank sei der Sowjetunion“. Ein Olympiasieger aus Armenien weigerte sich, dem offiziellen Kanal OBS ein Interview zu geben, aber mit mir und dem russischen Kollegen sprach er (in gutem Russisch). Ein Highlight war der massige Kubaner Mijain Nunez Lopez, genannt „The Kid“, der im Schwergewicht seinen dritten Olympiasieg holte und auf der Matte die Hüften für einen Siegestanz schwang. Im Tanzen würde er keine Medaille gewinnen. 😉

Ich habe aber einen netten jungen deutschen Ringer getroffen, Denis Kudla, der überraschend die Bronzemedaille gewann. Auch den hatte ich in der mixed zone für mich alleine. Die deutschen Journalisten hatten eher auf einen Erfolg des Weltmeisters Frank Stäbler am nächsten Tag gehofft, aber der war wegen einer Fußverletzung nicht in Topform und schied in der Repechage aus. Den habe ich wiederum verpaßt, weil das mein freier halber Tag war, den ich zum Wäsche waschen und einkaufen nutzte. Mein Kollege Giacomo übernahm den Vormittag, ich dann den Nachmittag und Abend beim Ringen.

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Denis Kudla (links) gewann überraschend Bronze

 

Am Rande gab es auch noch einige Ereignisse. Tragisch war der Unfall des deutschen Kanu-Trainers Stefan Henze, der mit dem Taxi verunglückte und am Montag an seinen schweren Kopfverletzungen starb. Er war Organspender und seine Familie stimmte der Spende zu, so daß schwerkranken Brasilianern geholfen werden konnte, eine großzügige Geste der Familie. Auch ein französischer Physiotherapeut kam ums Leben.

Aus der Abteilung „Einstürzende Neubauten“ ist zu berichten, dass im Olympiapark eine große, schwere Kamera, die an Seilen befestigt den Park filmt, plötzlich auf ca. 20 Metern Höhe abstürzte. Zum Glück wurden nur drei Menschen leicht verletzt, das hätte auch anders ausgehen können.

Eine Gruppe von US-Schwimmern behauptete, von bewaffneten Männern ausgeraubt worden zu sein, aber das stimmte wohl nicht. Warum denkt man sich sowas aus? Wollten die sich wichtig machen? Die Sache wird noch untersucht. Außerdem nahm die Polizei einen ranghohen IOC-Offiziellen, Patrick Hickey, im Morgenmantel in seinem Hotel unter Korruptionsverdacht fest. Er soll in illegalen Tickethandel verwickelt sein. Leider überraschen solche Nachrichten kaum noch jemanden. Manche Leute bekommen den Hals nicht voll, aber nun erstickt er wohl an seiner Gier.

 

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