Blut auf der Straße

Niklas ist tot.

Niklas war ein 17 Jahre alter Junge aus Bad Breisig, der in der Nacht zum Samstag, dem 7. Mai, mit Freunden in Bonn-Bad Godesberg, meiner Heimatstadt, unterwegs war. Am Rondell Rüngsdorfer Straße/Rheinalle, ganz in der Nähe des Godesberger Bahnhofs, griff eine Gruppe von drei jungen Männern Niklas an, so berichtet es der Bonner General-Anzeiger. Was war der Auslöser?  Darüber wurde nichts geschrieben. Aber letztendlich ist es egal, was der Auslöser war, denn was auch immer es gewesen sein mag, ob die Jugendlichen in Streit geraten waren oder nicht, was folgte, ist nicht zu rechtfertigen. Der 17-Jährige wurde brutal niedergeschlagen und auch noch getreten, als er am Boden lag, so dass er lebensgefährlich verletzt wurde und schließlich knapp eine Woche nach der Tat starb.

Ein junges Leben wurde sinnlos ausgelöscht.

Ich kenne den Tatort gut, oft genug fahre ich hier auf dem Fahrrad vorbei oder, seltener, steige ich hier in einen Bus ein. Ab jetzt werde ich an dieses Verbrechen denken, an das Blut auf der Straße, wenn ich dort vorbeikomme. Auf Photos sehe ich, daß die Bad Godesberger zum Gedenken an den getöteten Niklas Kerzen und Blumen am Tatort niedergelegt  haben. Die Kirchen haben mit Geläut am Freitag zu einer Schweigeminute aufgerufen. Ich bin gerade weit weg von Bonn, in Moskau, aber mich hat dieses Verbrechen sehr betroffen.

Die Frage ist immer dieselbe – woher kommt diese rohe, sinnlose Gewalt, diese absolute Enthemmung der Täter? Leider ist es nicht das erste Mal und wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Es soll erste Hinweise auf die Täter geben, hoffentlich werden sie bald gefasst und bestraft. Niklas hilft das nicht mehr, aber vielleicht gibt es wenigstens keine weiteren Opfer dieser Schläger. (Update: am 17. Mai gab die Polizei bekannt, dass ein 20 Jahrter alter Mann, der mutmaßliche Haupttäter, in Bonn festgenommen worden sei.)

Niklas‘ Freunde haben den Berichten zufolge vergeblich versucht ihm zu helfen und wurden leicht verletzt. Erst als noch mehr Menschen eingriffen, flohen die Täter. Immerhin haben diese Zeugen eingegriffen und geholfen, auch wenn es am Ende zu spät war. Selbst das ist nämlich leider nicht selbstverständlich. Und zum Glück wurden die Helfer nicht auch noch schwer verletzt. Aber: Zivilcourage ist wichtig und das Beispiel zeigt, daß mehrere Helfer gemeinsam die Totschläger vertreiben konnten.

Beschämend dagegen, wie Rechtsextreme dieses Verbrechen gleich für sich instrumentalisieren. Sie rufen zu einer „Demonstration gegen Gewalt“ auf, obwohl sie es selbst sind, die immer wieder Gewalt säen. Natürlich ist für sie klar, daß die Täter Ausländer sind oder zumindest einen Migrationshintergrund haben, denn sie werden im Fahndungsaufruf als „brauner Hauttyp“ und „schwarzhaarig“ beschrieben, aber genauso heißt es dort, sie hätten akzentfrei Deutsch gesprochen. Es ist müßig, über die  Herkunft der Verbrecher zu spekulieren – und mich interessiert gar nicht, wo sie herkommen. Sie haben einen Menschen getötet und müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Anmerkung:
Die Polizei NRW vermittelt Spenden, um die bisher ausgelobte Belohnung von 3000 Euro für die Ergreifung der Täter zu erhöhen. Spender können sich an den Opferschutzbeauftragten Klaus Schmitz (Klaus.Schmitz@polizei.nrw.de) wenden. In der Betreffzeile der Mail sollte „Niklas“ stehen, folgende Angaben in der Mail sind nötig: Name, Wohnort, Adresse, Telefonnummer sowie der Spendenbetrag. Die Mail wird an einen Anwalt weitergeleitet, dieser meldet sich dann nach Prüfung der Angaben mit einer entsprechenden Kontoverbindung.
Wer möchte, kann auch direkt an die Familie von Niklas spenden, und zwar über das Caritaskonto des katholischen Kirchengemeindeverbands Bad Godesberg. Stichwort: Niklas, IBAN: DE53 3816 0220 4704 6440 14, BIC: GENODED1HBO.

 

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Autorentreffen in Nürnberg

Manchmal habe ich das Gefühl, dass es gerade eine Schwemme an Angeboten für Autoren gibt. Hier ein Event, da noch eine Messe, dort ein Workshop … Ganz klar, viele Anbieter haben erkannt, dass es einen großen Markt gibt. Einerseits ist das ja toll, aber andererseits fällt die Auswahl schwer. Was lohnt sich und was nicht?

Ich habe Anfang Mai zum ersten Mal das Autorentreffen in Nürnberg besucht, das meine BVjA-Kollegin Ursula Schmid-Spreer immerhin zum 13. Mal organisiert hat. Ich habe es nicht bereut.

Das Autorentreffen bestand in diesem Jahr aus dem „Kerntag“ mit drei Vorträgen sowie Lesungen und Workshops am Tag davor bzw. den Tagen danach. Insgesamt nahmen ca. 80 Autoren teil, darunter erfreulicherweise auch einige BVjA-Mitglieder, die ich noch nicht alle persönlich kannte. Ich denke immer, dass der Austausch und Netzwerken sehr wichtig sind und man so auf jeden Fall weiter kommt, als wenn man im stillen Kämmerlein vor sich hinschreibt.

Die Lesung der Dozenten am Mittwochabend habe ich leider verpasst, aber ich bin dann am Donnerstag (Christi Himmelfahrt) ins Seminar eingestiegen. Es gab drei Vorträge. Die gelernte Drehbuchschreiberin und Krimi-Autorin Iris Leister erläuterte ihre Thesen zur Gestaltung einer Szene. Sie sprach zum Beispiel vom Prinzip der „Hollywood Cocktail Party“: „Enter late, leave early“. Klar ist damit gemeint, dass eine Szene nicht durch Vorgeplänkel oder langatmige Einführungen in die Länge gezogen werden sollte, kommt am besten gleich zur Sache! 😉 Und ja, nicht jede Szene muss bis zum Ende ausgeschrieben, also abgeschlossen sein, sondern das Ende sollte Lust zum Weiterlesen machen, Stichwort „Cliffhanger“. Aber muss man einen Cliffhanger an den anderen reihen? Irgendwann werden jedem die Arme lahm … Leider war der Workshop von Iris Leister zum Thema Szenen schreiben schnell ausgebucht, den hätte ich auch gerne mitgenommen.

Der auch einem breiteren Publikum bekannte Autor Titus Müller, den ich noch von ganz früher kenne, als er im BVjA war, sprach zum Thema „Erzählperspektive“ und machte Mut zum Experimentieren. Anhand von Beispielen zeigte er, was für interessante Wege es gibt, dass offensichtlich auch Lektoren mehr „erlauben“ als der Autor vielleicht denkt und dass es hier auch gewisse Trends gibt.

Der Journalist und Autor Jürgen Kehrer schließlich berichtete über das Entstehen seiner Münsterkrimis um den Privatdetektiv Wilsberg, von denen viele verfilmt wurden. Bei ihm ging es u.a. darum, wie aus einem Roman ein Drehbuch wird, aber auch was passiert, wenn einen ein Leser verklagt, der meint, sich in einer Romanfigur wiederzuerkennen (der Autor gewann – außerdem hatte er den Leser auch gar nicht gemeint). Jürgen Kehrer hielt dazu am Freitag einen Workshop zum Thema Plotten ab.

Das Publikum konnte Fragen stellen und diskutieren, und alle Dozenten waren sehr zugänglich. Der Tag klang mit einem gemeinsamen Abendessen in einem Restaurant aus, dort lasen auch einige Teilnehmer aus Texten und bekamen Feedback.

Für den Freitagabend hatte Ursula liebevoll eine Lesung in Kunstverein im Alten Weinlager organisiert. Dort lasen neun Autoren für jeweils sechs Minuten, wenn die Zeit ablief, war ein lauter Herzschlag zu hören und am Ende ertönte ein Schuss. Ich habe eine Szene aus „Herz im Fadenkreuz“ gelesen, der Schuss passte sogar dazu, allerdings fällt er in meiner Szene nicht am Ende. 😉 Im Kunstverein kamen an diesem Abend Literatur, Malerei (es handelt sich um das Atelier des Künstlers und Bodypainters Walter Mattischeck, und es lief gerade die Ausstellung des österreichischen Malers Jürgen Bley) sowie Musik (die russische Sängerin Leila Sunshine trat ebenfalls auf) zusammen.  Meine Tante, Onkel und Cousine waren auch gekommen und hatten viel Spaß.

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Bei der Lesung im Kunstverein

Also, um auf den Anfang zurückzukommen – das Autorentreffen in Nürnberg zählte für mich zu den Veranstaltungen, die sich lohnen, nicht nur, weil ich Neues erfahren, sondern auch nette und interessante Autoren getroffen habe. Beim 14. Treffen im nächsten Jahr wäre ich gern wieder dabei. 🙂

 

 

 

 

 

 

 

Unterwegs in spannenden Welten

Am vergangenen Sonntag (17. April) war es endlich so weit – einen Tag vor dem offiziellen Erscheinen von „Herz im Fadenkreuz“ stellte ich bei unserer zweiten BVjA-Lesung im Café Voyager das Buch der Öffentlichkeit vor.

Ich hatte den BVjA-Kollegen Michael Schäfer dazugebeten, weil sein Fantasy Noir Krimi „Stadt der Geister“ auch gerade erst erschienen war und mir gut gefallen hatte. Thematisch paßte es ja auch mehr oder weniger zusammen, und wir gaben der Lesung das Motto „Unterwegs in spannenden Welten“.

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Bei der Lesung am 17.4. in Bonn       Foto: Julbka Kuznetcova

 

Ich gab mir viel Mühe bei der Pressearbeit, und der Bonner General-Anzeiger brachte einen Artikel über mich und wies auf die Lesung hin. Zur Lesung kamen 20 Leute, immerhin, allerdings waren es unsere Freunde und Bekannten. Das hatte den Vorteil, daß es entspannt war. Für mich vor allem, denn die meisten Gäste kamen von meiner Seite. Michael war doch ganz schön aufgeregt, aber es war auch seine allererste Lesung.

Michael las  zuerst drei Textstellen aus „Stadt der Geister“ mit kurzen Pausen dazwischen, dann machten wir eine knappe halbe Stunde Pause für alle und den zweiten Teil bestritt ich ebenfalls mit drei Textstellen aus „Herz im Fadenkreuz“. Am Samstag war ich noch beim Autorenfrühstück in Düsseldorf gewesen, dort war ich schon ein wenig nervöser als im Voyager, denn dort las ich vor Menschen, die ich gar nicht oder nur flüchtig kannte.

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Ich habe ein paar Bücher signiert         Foto: Julbka Kuznetcova

 

Ich hätte natürlich sehr gerne meinen wunderbaren Buchtrailer richtig groß gezeigt, den Kevin Scoppwer für mich gemacht hatte, aber ich konnte leider keinen Beamer auftreiben. Die Leute konnten sich den Trailer daher nur am Laptop ansehen. Das Feedback der Gäste auf die Lesung war positiv, und es hat mir auch großen Spaß gemacht. Ich hatte mich lange auf diesen Termin gefreut und dann war es so schnell vorbei, so daß ich am Ende sogar ein wenig traurig war.

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Mit Michael nach der Lesung

Aber ich denke, daß es nicht die letzte Lesung war, die wir in Bonn gemacht haben. Kevin hat sogar gefilmt, und wenn das Material gut genug ist, wird es noch einen Film geben – für alle, die nicht dabei sein konnten. Meinen nächsten Auftritt habe ich im Rahmen des Autorentreffens in Nürnberg am 6. Mai.

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Alle drei Bücher auf einen Blick   Foto: Julbka Kuznetcova

 

 

Hello Boston

Dank der Eiskunstlauf-WM kam ich Ende März das erste Mal nach Boston. Von der stolzen Stadt an der Ostküste hatte ich schon einiges gehört, und da ich mehr sehen wollte als nur das Hotel und die Eishalle (wie so oft), bin ich mit meiner Freundin Petra extra zwei Tage früher geflogen.

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Blick auf die „Skyline“ vom Hafen aus

Wir wohnten in einer Jugendherberge, mitten in Chinatown gelegen. Sie war in einem alten Industriebau untergebracht, der zu einem stylishen Loft umgebaut worden war. Alles war recht einfach, aber gut, es gab sogar ein Frühstück umsonst mit Peanut Butter, Toastbrot und auch Obst. Die Atmosphäre war nett, das Hostel bot Veranstaltungen wie gemeinsames Kochen und Führungen an, an denen wir aber aus Zeitmangel nicht teilgenommen haben. Aber Boston ist eine teuere Stadt, sogar diese Jugendherberge war nicht billig.

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Unser „Loft“ – die Jugendherberge

Wir kauften uns eine Wochenkarte für die U-Bahn und Busse, das war mal vergleichsweise günstig und hat sich schnell gelohnt. Wir sind durch Chinatown gelaufen und waren am Hafen.

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Am Hafen

Boston hat vielerorts noch ein europäisches Flair, es gibt noch viele alte Häuer, die gut erhalten sind. Daher habe ich mich hier gleich wohler gefühlt als in vielen anderen amerikanischen Städten, die ich kenne. Der Stadtteil Beacon Hill ist besonders für seine kleinen Straßen und Häuser im europäischen Stil bekannt.

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Die berühmte Acron Street in Beacon Hill

Natürlich waren wir auch im Quincy Market, einer historischen Markthalle, in der es neben Souvenirgeschäften vor allem viele Freßbuden gibt. Dort haben wir einen klassischen neu-englischen „Clam Chowder“ genossen. Wir waren an einem Abend auch in einem  bekannten Fischrestaurant. Aber ich habe keinen Hummer gegessen, sondern „nur“ Crabcake mit Jakobsmuscheln, das war auch sehr lecker.

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Clam Chowder im Quincy Market

Nach zwei Tagen bin ich in das offizielle Hotel umgezogen. Daneben gab es eine große Shoppingmall mit einem Konferenzcenter, in dem gerade ein Meeting von Animé-und Mangafans stattfand. Als uns die ersten kostümierten Gestalten begegneten, dachte ich zuerst, daß das ein Osterbrauch in den USA ist, so wie bei uns Karneval. 😉

Wir haben auch noch zwei bekannte Parks und einen historischen Friedhof gemeinsam besucht. Im Boston Commons Park beobachteten wir ein possierliches, sehr geschäftiges Eichhörnchen.

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Eichhörnchen im Boston Commons Park

Ich mußte dann mit der Arbeit im Hotel anfangen, Teams empfangen, die Biographien der Sportler durcharbeiten, einen Vorbericht schreiben etc. Petra konnte noch mehr sightseeing machen und war zum Beispiel in Harvard.

Die Weltmeisterschaft im TD Garden war ein echtes Highlight. An allen Kürtagen war die Halle mit ca. 17 000 Zuschauern ausverkauft, die Leistungen der Sportler waren sehr gut, die Veranstaltung wurde optimal präsentiert. Natürlich habe ich mich besonders gefreut, daß Aljona Savchenko und ihr neuer Partner Bruno Massot gleich bei ihrem gemeinsamen WM-Debüt die Bronzemedaille gewonnen haben. Das paßte wunderbar in mein Buch, das ich über die Karriere von Aljona und ihrem früheren Partner Robin Szolkowy geschrieben habe und in dessen letzten Kapitel es um ihre neuen Karrieren geht. Der Verlag wartete die WM ab, und so konnte ich das Nachwort ganz aktuell gestalten.

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Bronze für Aljona und Bruno bei ihrem gemeinsamen WM-Debüt war ein toller Erfolg

Meine Abreise hatte ich extra auf den Montagnachmittag gelegt, in der Hoffnung, am Vormittag vielleicht nochmal etwas anzuschauen. Doch leider herrschte Schneetreiben! Natürlich war das Wetter nur dann richtig schön und frühlingshaft warm, als die Meisterschaft lief und ich absolut keine Zeit für anderes hatte. Aber vielleicht komme ich mal wieder nach Boston – im Sommer oder so. Allerdings wird die Liste der Städte, die ich mal im Sommer besuchen möchte, immer länger … 🙂

Mehr Photos aus Boston gibt es hier.

Ach, Ungarn

Europa bitte rechts abbiegen?

Wenn ich an Ungarn denke, dann habe ich immer noch in erster Linie positive Erinnerungen. Ich denke an meine Reisen mit der Transsibirischen Eisenbahn, damals, als ich mit Freunden über Budapest reiste, weil man im staatlichen ungarischen Reisebüro Ibusz billige Zugtickets bis nach Peking kaufen konnte. Wir schlenderten durch die sommerliche Stadt, die nicht so grau und unfreundlich wirkte wie andere kommunistische Städte, und in deren Cafés es köstliche Leckereien gab. Ich weiß auch noch, wie die jungen, lustigen ungarischen Grenzsoldaten uns bei der Ausreise in die Ukraine sagten, wir sollten doch lieber in ihrem Land bleiben, als weiter nach Russland zu fahren, bei ihnen sei es doch viel schöner.

Und natürlich denke ich daran, wie Ungarn im Sommer 1989 den eisernen Vorhang öffnete. Ungarn war damals das erste Land des Ostens, das den Grenzzaun niederriss.

2015 war Ungarn das erste Land, das wieder einen Zaun errichtete, um sich gegen Flüchtlinge abzuschotten.

Als ich 2004 das erste Mal nach längerer Zeit wieder in Budapest war, hatte es für mich viel von seinem Charme verloren. Es war schmutzig geworden. Vielleicht ist es ungerecht, weil es im Winter war, grau und matschig. Aber auch bei meinen Besuchen 2013 und 2014 fühlte ich mich nicht mehr so wohl. In Ungarn hatte sich die rechte Fidesz Partei breit gemacht und sogar die rechtsradikale Jobbik war hoffähig geworden. Wenn ich über Ungarn lese, dann meistens schlechte Nachrichten wie Einschränkungen der Pressefreiheit und die Missachtung von Rechten von Minderheiten.

Ungarn ist ein trauriges Beispiel dafür, wie sich ein Land unter dem Einfluss der Rechten verändert. Es ist diese Verrohung der politischen Sitten, diese Aggressivität gegen Andersdenkende und Minderheiten, diese Wagenburgmentalität, die um sich greift.  Das führt dann zu so abstoßenden Szenen wie jene, als eine Journalistin an der Grenze einem Flüchtling mit Kind auf dem Arm ein Bein stellte. Diese Bild ging um die Welt und machte Schlagzeilen. Viele andere Szenen sicher nicht.

Mitte März war ich bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Debrecen, einer Stadt mit etwa 200 000 Einwohnern in Ostungarn. Früher hätten hier viele Roma gelebt, heißt es. Aber jetzt sind kaum noch welche hier.  Sie sahen keine Perspektive mehr für sich. In Debrecen habe ich mich mit einem Einheimischen unterhalten, der der Regierung sehr kritisch gegenübersteht. Er kritisierte den Umgang mit Minderheiten und den Rückfall in erzkonservative, ja er nannte es sogar „mittelalterliche“ Verhältnisse. Leider wähle die Mehrheit der Älteren, die an die autoritären kommunistischen Zeiten gewöhnt sei, die rechten Parteien. Dabei kommt das Land wirtschaftlich auf keinen grünen Zweig. Aber gerne wird dann ein Feind von außen beschworen, um vom Versagen der eigenen Politik abzulenken.

Leider werden die Rechten mehr und mehr hoffähig, breiten sich autoritäre Strukturen in Europa aus. Ungarn war nur der Anfang. In Österreich hat sich die FPÖ festgesetzt. In Warschau sind Nationalkonservative an die Macht gekommen und peitschten in nächtlichen Parlamentssitzungen Gesetzesänderungen durch, dass den Polen schwindelig wurde. Das war besonders unheimlich, weil man sehen konnte, wie schnell sich ein solcher politischer Wandel vollziehen kann. In Frankreich feiert Marie Le Pen Erfolge, bei uns die AfD. Von der Türkei brauchen wir gar nicht zu reden, dort entwickelt sich Präsident Erdogan mehr und mehr zu einem selbstherrlichen Diktator, der Kritiker wegen „Präsidentenbeleidigung“ ins Gefängnis werfen lässt.

Die Finanz- und Flüchtlingskrise und der Terror der Islamisten lösen offenbar eine Sehnsucht nach Sicherheit, nach Ruhe und Ordnung aus, aber es ist ein Trugschluss zu glauben, dass die rechten Parteien Lösungen für diese aktuellen Probleme haben. Sie lösen keine Probleme, sie schaffen nur mehr.

Unterwegs in Taiwan

Dank der Vier-Kontinente-Meisterschaft war ich mal wieder in Taiwan. Der Wettbewerb fand schon zum dritten Mal in Taipei, der Hauptstadt, statt, aber mir ist das nur recht. Ich mag Asien und insbesondere China. Taiwan war für mich früher immer das „bessere“ China – das heißt, tolle Landschaften, kulturelle Sehenswürdigkeiten und exotische Küche, aber alles freundlicher und weniger anstrengend als in der Volksrepublik China . Inzwischen ist es in China schon besser geworden, aber immer noch merkt man dort z.B. an der Internet-Zensur, dass es sich um einen autoritären Staat handelt, während es in Taiwan viel freier zugeht.

 

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101 in Taipei

Ich blieb nach der Meisterschaft noch eine Woche länger, um mir etwas anzuschauen. Da ich Taipei und Umgebung schon bei einem anderen Besuch ausführlicher erkundet hatte, wollte ich diesmal eine neue Gegend entdecken und bin an die Ostküste gefahren, um den Nationalpark in der Taroko-Schlucht zu sehen.

 

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Brücke in der Schlucht

Die Schlucht (auf Chinesisch heißt sie eigentlich Tai Lü Ge, Taroko ist der japanische Name) gilt als eine der Top-Sehenswürdigkeiten auf der Insel. Ich bin mit dem Zug von Taipei in zwei Stunden in den Ort Xincheng gefahren. Die Züge in Taiwan erinnern mich eher an die in Japan als in China. Jedenfalls war es bequem und nicht überfüllt, das ist schon mal was wert.

 

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Auf dem Weg zu den Qing Shui Klippen

Das Wetter war leider nicht so toll, ziemlich regnerisch und kühl. Ich hatte übers Internet ein kleines Hotel in unmittelbarer Strandnähe gebucht, das Aluwa Homestay, das auch nicht so weit weg von der Schlucht ist. Ich wollte bewußt nicht in die nächstgrößere Stadt, Hualien, gehen und von dort aus eine Bustour zur Schlucht machen, sondern nach meinem eigenen Fahrplan vorgehen. Das Hotel ist sehr individuell mit Holzfiguren und Steinen dekoriert, hier hat sich wohl ein Künstler ausgetobt. Von meinem geräumigen Zimmer aus konnte ich den Pazifik sehen (und hören). 🙂

 

Im Hotel konnte ich ein Fahrrad ausleihen, einer der Gründe, weshalb ich dieses Hotel genommen habe. Denn die Busverbindungen zur ca. 4 km entfernten Schlucht sind eher spärlich. Der Hotelmanager bot zwar an, mich nach Taroko zu fahren, aber ich wollte die Gastfreundschaft nicht ausnutzen. Mit dem Fahrrad ging es auch, allerdings war es weniger bequem als erhofft, weil das Rad etwas zu klein für mich war (sie hatten leider keine größeren) und weil es z.T. sehr windig war. Mit dem Rad gegen den Wind anzukämpfen war doch etwas anstrengend!
Viele Menschen in Taiwan sind übrigens hilfsbereit und freundlich. Als ich auf einer Brücke vom Rad stieg und es ein Stückchen schob, hielt ein Taiwanese auf dem Motorrad an und fragte gleich, ob alles in Ordnung sei oder ob er mir helfen könne.

 

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Mein Fahrrad

Ich bin also zur Schlucht geradelt. In der Schlucht gibt es Busse, die verschiedene Punkte anfahren, von denen aus man losziehen kann, aber leider war just am Tag vor meiner Ankunft ein Teil von Taroko wegen Bauarbeiten geschlossen worden. Viele Wanderwege waren gesperrt. Taifune in der Gegend zerstören immer wieder Wege, die dann repariert oder wegen Steinschlaggefahr geschlossen werden. Ich kam also nur bis Bo Luo Wan, das liegt im ersten Drittel der Schlucht auf einer Anhöhe. Dort herrschte Nieselregen, aber immerhin wirkten die Berge im Nebel auch recht malerisch. Ein bißchen sah ich mich dort um, dann fuhr ich wieder zurück und zum „Shakadang Trail“, ein Wanderweg entlang eines kleinen Flusses. Hier waren mehr Leute unterwegs, weil die Tourbusse ihre Passagiere hier absetzen. Die Touristen kamen meistens aus China oder Korea. Die Chinesen rechnen meist nicht damit, daß eine „Langnase“ ihre Sprache spricht. Ich kann sie dann überraschen oder zuhören, was sie sagen. Da sie gerne in Gruppen unterwegs sind, wundern sie sich über Leute, die alleine wandern, und machen entsprechende Kommentare. Ein Chinese bat mich sogar um ein Photo. Der Shakadang-Weg zieht sich an dem kleinen Fluss entlang, links und rechts ragen hohe Hügel auf, und alles ist sehr grün.

 

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Shakadang Wanderpfad

Danach radelte ich wieder zurück und musste feststellen, daß es in der Gegend kaum Restaurants gibt. Die Touristen fahren eben mit ihren Bussen wieder zurück nach Hualien. Ich habe mich im 7 Eleven versorgt.

 

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Sandsturm am Strand

An Tag zwei war der Wind noch heftiger geworden, am Strand gab es einen richtigen kleinen Sandsturm. Das war nicht angenehm, denn der Sand war im Rucksack und in der Kleidung, aber sah schon toll aus. Ich radelte in die Richtung der Qing Shui Klippen, die steil in Meer abfallen. Die Klippen waren etwa 10 km entfernt, normalerweise kein Problem, aber mit dem kleinen Rad und dem Wind war es mir zu weit. Ich bin so nah herangefahren, bis ich einen guten Blick auf die Klippen hatte. Außerdem hätte ich das letzte Stück durch einen Tunnel radeln müssen. Die Küstenstraße war recht stark befahren und es gab keinen richtigen Radweg, so ganz geheuer war mir das auch nicht. Ich hatte auch nicht so viel Zeit, denn ich wollte nochmal in die Schlucht.

 

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Qing Shui Klippen

Auf dem Rückweg bin ich in die Schlucht abgebogen und dort bis zum Schrein des Ewigen Frühlings gefahren. Ich habe einen Hügel mit einem Glockenturm erklommen und spontan einmal die Glocke geschlagen. Das haben mir die zwei Chinesen, die auch zum Turm gewandert waren, gleich nachgemacht. 🙂

 

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Glockenturm und Schrein

Der Weg vom Turm zum Schrein war leider gesperrt. Ich bin also von der anderen Seite zu dem malerisch an einem Wasserfall gelegenen Schrein gelaufen. Das war auch ein beliebter Stopp für die Tourbusse, und auf dem schmalen Weg zum Schrein(den man selbst nicht betreten konnte) drängten sich die Leute. Danach war es schon wieder Zeit für den Rückweg, denn es wurde schon früh dunkel und das Fahrrad hatte kein Licht.

 

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Blick vom Glockenturm verfremdet

Am nächsten Tag war ich nochmal in der Nähe des Hotels mit dem Rad unterwegs und habe einen kleinen Tempel besichtigt und im 7 Eleven zu Mittag gegessen, als sie plötzlich die Rolladen runterließen. Zuerst dachte ich, daß der Laden aus irgendeinem Grund Mittagspause macht (eigentlich unüblich), aber da ich sowieso gerade gehen wollte, war es mir egal. Doch draußen bemerkte ich, daß die sonst stark befahrene Straße leer war. Ein Polizist stand am Straßenrand und sagte mir, ich dürfe nicht auf der Straße fahren, sondern müsse einen anderen Weg nehmen, denn die Straße sei wegen einer Luftschutzübung gesperrt (dieses Wort kannte ich natürlich nicht auf Chinesisch, aber der Polizist schlug auf seinem Smartphone online schnell nach und zeigte es mir). Da wurde mir wieder bewußt, daß sich Taiwan doch ständig vom „Großen Bruder“ China bedroht sieht, der es „heim ins Reich“ holen könnte. Die Volksrepublik hat die Unabhängigkeit Taiwans nie anerkannt.

Nachmittags fuhr ich zurück nach Taipei, in den Vorort Xinbeitou. Dort gibt es viele heiße Quellen mit Schwefelwasser. Ich kenne das als „onsen“ aus Japan. Die Asiaten halten sehr viel von den heißen Quellen, es soll gesund sein. Ich hatte mir extra ein Hotel gebucht, in dem ich sogar heißes Quellwasser in der eigenen Badewanne genießen konnte, so mußte ich nicht in den wohl recht vollen öffentlichen Hotelpool gehen. Leider war das Wetter jetzt ganz schlecht geworden, mit kaltem Regen. Aber ich habe zwei Freundinnen getroffen, die ich vor fünf Jahren bei der ersten Vier-Kontinente-Meisterschaft in Taipei kennengelernt hatte, weil sie als Volunteers im Pressezentrum arbeiteten. Die eine ist eine Japanerin, die andere eine Taiwanesin. Wir waren zusammen Dim Sum essen, eine echte Köstlichkeit. Ich fuhr auch nochmal nach Danshui raus, das ist an der Küste. Und dann war die Zeit auch schon wieder vorbei.

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Köstliche Dim Sum

Mehr Photos gibt es auf der Photoseite.

 

Wiedersehen mit Bratislava

Die Europameisterschaft 2016 führte mich im Januar nach Bratislava, die Hauptstadt der Slowakei. Ich war schon vor 15 Jahren einmal hier, ebenfalls bei einer EM, aber ich konnte mich kaum an die Stadt erinnern.

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Auf dem Weg zur Burg

Das Wahrzeichen der Stadt ist die Burg, die auf einem Hügel trohnend die Stadt und die Donau überblickt. Ich bin extra einen Tag vor meinem „Arbeitseinsatz“ angereist, um ein wenig Zeit zum Sightseeing zu haben.

Ich habe es nicht bereut. Bratislava ist eine interessante Mischung aus K&K-Flair in der Altstadt und mit der Burg, aus moderner Stadt und Restbeständen sozialistischer Tristesse. Bratislava, das früher Preßburg hieß, gehörte zum Kaiserreich Österreich-Ungarn. Die Kaiser von Österreich waren auch die Könige von Ungarn und wurden in Bratislava zu zu ungarischen Königen gekrönt. In der Slowakei gibt es bis heute eine ungarische Minderheit.

Als ich zur Burg ging, fing es an zu schneien.

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Die Burg verfremdet

Das führte zu einigen interessanten Bildern. 🙂

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Im Burgpark

Die EM war übrigens ein voller Erfolg. Das Ondrej-Nepela-Stadion war jeden Tag gut gefüllt, schon zu den Wettbewerben am Vormittag. Am Wochenende war die Hütte mit rund 10 000 Zuschauern richtig voll, wegen der großen Nachfrage rollten die Veranstalter sogar noch zusätzliche Reihen aus.

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Volles Haus bei der Paarlaufkür am Samstag

Die Wettbewerbe waren spannend mit Überraschungen und es gab auch hochklassige Leistungen zu sehen. Meine persönlichen Höhepunkte waren der emotionale Abschied von Florent Amodio, der die beste Kür seines Lebens lief und sich damit vom Wettkampfsport verabschiedete, sowie natürlich die Rückkehr von Aljona Savchenko mit ihrem neuen Partner Bruno Massot.

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Aljona und Bruno gewannen bei ihrem gemeinsamen EM-Debüt die Silbermedaille

Ich habe diese Rückkehr sogar noch in die Savchenko-Szolkowy Biographie mit aufgenommen, damit ist das Buch auf einem aktuellen Stand.

Ich hatte ein tolles Team bei der EM, mit den Kollegen aus dem ISU-Büro und meinen Freundinnen, die als freiwillige Helferinnen mit mir den Quick-Quote-Service schmissen. Wir hatten eine kleine Box in der Mixed Zone und haben viele Sportler interviewt.

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Unser Quick-Quote Team von Bratislava mit Sara, Esther, Meredith, Olga, Dunja und Anja

Das Abschlußbankett fand auf der Burg statt. Es war zwar nicht so gut organisiert wie der Rest der Meisterschaft, aber da über der Stadt dicker Nebel lag, konnte ich ein paar schöne Photos machen.

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Bank im Burgpark bei Nebelstimmung

Draußen herrschte eine fast gruselige Stimmung. Zu diesen Photos könnte ich mir ein paar Geschichten ausdenken. 😉

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Nebel an der Burg

Zum Abschluß war ich am letzten Abend mit meinen guten Eislauffreunden in der Altstadt unterwegs. Dort war ich auch auf einige individuelle Geschäfte mit schönen Souvenirs gestoßen. Naürlich habe ich ein Paar Ohrringe erstanden. 🙂 Am liebsten hätte ich aus jedem Ort, an dem ich war, ein Schmuck-Souvenir.

Bratislava ist eine Stadt, die ich vielleicht im Sommer noch einmal besuchen möchte, aber auch andere Orte in der Slowakei wie Kosice und die Natur würden mich reizen. Wenn mal Zeit dafür ist!

 

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Der Kanalarbeiter

Diese und einige weitere Photos habe ich in der Galerie veröffentlicht.