Rio 2016: Vom Trainingsplan und anderen kleinen Problemen

Rio bereitet sich sichtbar auf das größte Sportereignis der Welt vor, aber nicht alles läuft glatt. Unsere Vorbereitungen sind leichter zu erledigen, wir schreiben unsere Vorschauen und versuchen, Sportler für erste Interviews beim Training „abzugreifen“. Das ist je nach Sportart ganz unterschiedlich. Manche sind schon hier und trainieren vor Ort, andere sind zwar in Brasilien, aber haben sich private Trainingsmöglichkeiten organisiert, wieder andere sind noch in weiter Ferne. Im Info, dem Informationssystem für die Olympischen Spiele, in dem unsere Artikel vom Olympic News Service (ONS) veröffentlicht werden, gibt es Trainingspläne. Aber die haben nicht immer etwas mit der Realität zu tun, weil die Teams ihre Zeiten kurzfristig ändern oder sich gar nicht anmelden und dann im wahrsten Sinne des Wortes plötzlich auf der Matte stehen (jedenfalls für meine Kampfsportarten). Also kann es passieren, dass wir völlig umsonst zu einem Training fahren.

Zum Glück ist das Trainingszentrum „Athletes Park“, in dem unter anderem die Judoka und die Ringer trainieren können, nur ca. 20 Minuten Fußweg vom Main Press Center (MPC) entfernt. Also wenn ich mich umsonst dorthin begebe, ist es nicht so schlimm. Viel ärgerlicher ist es, wenn man wer weiß wie weit fahren muss. Der Athletes Park ist eine Ansammlung von temporären Trainingsstätten in weißen Zelten, sogar ein Schwimmbad ist dabei! Am Dienstag habe ich erstmals das Judo-Training aufgesucht und einen einzigen Sportler aus Mozambique angetroffen, Marlon Acacio. Da er der erste Judoka war, der dort trainierte, schnappte ich ihn mir für ein Interview, zu dem er gerne bereit war. Und ich hatte Glück, er hatte auch noch eine interessante Geschichte zu erzählen. Er ist 2008 schon bei den Olympischen Spielen gestartet, allerdings für Südafrika. Dort ist er geboren und aufgewachsen. Dann beendete er seine Karriere aus finanziellen Gründen, doch 2012 entschloss er sich zur Rückkehr. Der südafrikanische Verband glaubte nicht daran, dass er sich qualifizieren könnte und unterstützte ihn nicht, daher wechselte er nach Mozambique. Von dort kommen seine Eltern. Es kam also bei dem Interview ein netter kleiner „News Article“ heraus.

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Blick auf den Athletes Park

Die Leute im Trainingszentrum sind sehr hilfsbereit und freundlich, auch wenn die Verständigung nicht so leicht ist, denn sie sprechen kaum Englisch oder eine andere Fremdsprache. Ich kann kein Portugiesisch, verstehe zwar dank meiner Französischkenntnisse viel, aber wenn ich etwas sagen möchte, kommt ein Mix aus Spanisch und Italienisch heraus, was ich beides auch nur ein bisschen spreche. Aber sie helfen mir, so gut es geht und stellen Informationen zur Verfügung. Es hängt viel davon ab, wie die Leute sind.

Mein armer Kollege Giacomo dagegen hat beim Fechten Pech, dort ist er beim Training nicht erwünscht, angeblich will der Fechtverband das nicht. Er stößt also nur auf Widerstand. Die Sportler sind anscheinend auch viel zickiger als die Judoka.

Weil beim Judo wieder nur Marlon aus Mozambique trainierte, habe ich am Mittwoch einen halben Tag „geschwänzt“ und bin zum Zuckerhut gefahren, denn das Wetter war toll (und wurde dann wieder schlechter). Der Zuckerhut hat mir gut gefallen. Man fährt mit der Seilbahn rauf und es eröffnet sich von dort ein tolles Panorama aus Meer, Stränden, felsigen Inseln, Bergen und der Stadt, die sich in die grünen Hügel eingefressen hat. Es wird von diesen Olympischen Spielen atemberaubende Bilder geben, das ist sicher. Diese Kulisse, dieses Panorama ist einmalig, und ich kann die Faszination für Rio verstehen. Ich war übrigens allein unterwegs und bin auch mit öffentlichen Bussen gefahren und wurde weder beklaut noch belästigt.

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Blick vom Zuckerhut auf Rio

Als ich am Nachmittag wieder in unsere Halle Carioca kam, hatten wir gerade einen Stromausfall im Pressezentrum. Zum Glück hielt er nur etwa eine halbe Stunde an. Aber ich stelle mir vor, was es für ein Chaos gäbe, sollte das im Wettkampf passieren. Die Wettkampfhallen für Judo und Fechten befinden sich noch im Aufbau. Von daher schärfte die Venue Media Managerin (VMM) uns ein, dass wir aufpassen sollten, dass Journalisten keine Photos machen. Was ich aber jetzt nicht schlimm fände. Jetzt muss die Halle noch nicht fertig sein. Unsere VMM hat aber nicht gesagt, dass wir keine Photos schießen dürfen. 😉

Am Donnerstag ging es wieder zum Judo-Training, diesmal stand Georgien auf dem Plan. Georgien ist eine Top-Nation im Judo, alle Starter sind Medaillenkandidaten. Erstmals ist auch eine Frau in der olympischen Judomannschaft von Georgien, eine gebürtige Holländerin. Das Training war zunächst ab 10.30 Uhr angesetzt, dann aber kam ein update und es sollte um 9 Uhr beginnen. Also war ich um kurz nach neun da. Von den Georgiern aber war nichts zu sehen! Und auf dem Trainingsplan in der Halle stand auch noch die alte Zeit von 10.30 Uhr. Wer warum dieses „update“ veröffentlicht hat, weiß ich nicht. Aber ich war schon froh, daß die Georgier gegen 10.45 dann tatsächlich aufgetaucht sind. Einige davon kenne ich von anderen Wettbewerben, sie mich auch, und sie freuten sich anscheinend, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Ich konnte insgesamt vier Interviews machen, eine gute Ausbeute.

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„Sneak Preview“ der Judo-Wettkampfhalle

Giacomo dagegen im Trainingszentrum auf der anderen Straßenseite hatte wieder nur Pech mit den Fechtern. Zwar durfte er diesmal rein, aber die Franzosen wollten keine Interviews geben.

Ich kehrte in unsere Halle zurück, aber zunächst funktionierten die Computer nicht und beim Check In wollten mir keinen Essensgutschein geben. Ich hatte offiziell einen freien Tag. Haben wir natürlich nicht wirklich, aber das brasilianische Arbeitsrecht fordert einen freien Tag pro Woche, Olympische Spiele hin oder her. Das bedeutet, dass wir zum Arbeiten kommen und uns keine Voucher zustehen, aber einen übriggebliebenen habe ich noch ergattert.

Vor allem wegen der Computerprobleme brauchte ich recht lang, bis ich meine Georgier verarbeitet hatte. Ich latschte dann wieder zurück zum Trainingszentrum, weil ich die Ukrainer sehen wollte. Und dann waren sie schon weg, als ich kurz vor Ende ihrer angesetzten Trainingszeit dort ankam. Sie waren früher gegangen!

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Blick auf Zuckerhut und das Meer
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Rio 2016: Vorbereitungen

 

Die Tage hier in Rio fliegen nur so vorbei! Am Donnerstag haben mein Kollege Giacomo und ich zum ersten Mal unsere Wettkampfhalle besucht, unser „venue“. Wir sind im Olympiapark, das ist ein großes Gelände mit vielen Sportstätten im Stadtteil Barra, da, wo auch das Main Press Center (MPC) gelegen ist. Unter anderem haben wir die Wettkampfstätten für Schwimmen, Handball, Basketball, Tennis in diesem Park und eben auch die Hallen Carioca 1,2 und 3. Wir sind mit unseren Sportarten Judo, Ringen, Fechten und Taekwondo in Carioca 2 und 3. Die liegen direkt nebeneinander und teilen sich auch ein Pressezentrum. Carioca 1 beherbergt Basketball.

Ich werde Judo und Taekwondo „beackern“, Giacomo kümmert sich ums Fechten und Ringen teilen wir uns. Wir trafen am Donnerstag unsere „VMM“ (Venue Media Managerin) Pollyanna, eine junge und sympathische Brasilianerin, die alles gut im Griff zu haben scheint. Die Zusammenarbeit mit ihr verspricht sehr gut zu werden. Es hängt eben viel von den Personen ab, mit denen man arbeitet. Manche sind unkooperativ, andere genau das Gegenteil. Pollyanna stellte uns auch den Sportmanagern für Fechten, Judo und Taekwondo vor. Den „Fechtmeister“ kannte ich noch von den Europaspielen in Baku, auch er ist sehr freundlich und hilfsbereit. Der Judo-Mensch war ebenfalls sehr nett, wie auch der Taekwondo-Sportchef, das ist ein Amerikaner. Es ist sehr wichtig, einen guten Kontakt zu diesen Leuten zu pflegen, denn sie können uns bei Fragen weiterhelfen und auch Kontakte vermitteln. Wenn zum Beispiel etwas Unvorhergesehenes passiert, können wir uns dort Rat holen.

Den Sportmanager für Ringen haben wir nicht angetroffen, aber das holen wir noch nach. Ringen ist eine Sportart, die mir nicht besonders gefällt, aber ich muß mich natürlich trotzdem mit ihr befassen.

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Der malerische Stadtteil Santa Teresa

Carioca 2 und 3 sind nicht besonders groß, von daher sind die Wege kurz, sowohl von der Tribüne in die Mixed Zone als auch von der Mixed Zone ins Pressezentrum, wo wir unser Büro haben. Anders als früher gibt es kein extra ONS (Olympic News Service) Büro, sondern ein gemeinsames zusammen mit der VMM und ihrem Team. Bei Olympia liebt man ja die Titel, jeder ist Manager von irgendwas. Ich habe mich zum VPM ernannt – Venue Punching Manager, weil ich die Transportkarten für unsere Leute gelocht habe. 😉 Die kurzen Wege jedenfalls sind sehr erfreulich. In London war unser Büro auf einer anderen Etage und ziemlich weit weg vom Geschehen.

Auf dem Weg zu unseren Hallen haben Giacomo und ich wieder mit der Umweg-Regel Bekanntschaft gemacht. Bei Olympia gilt: Gehe nie den direkten Weg! Denn der ist garantiert versperrt. Wir sind einen riesigen Bogen um den ganzen Olympiapark gelatscht, bis wir endlich an den Eingang kamen. Auf dem Weg waren just an diesem Tag Massen von Soldaten aufgereiht, die meisten mit Gewehren. Sie standen auch rund ums MPC. Wir hatten gehört, daß zehn mutmaßliche Terroristen in Brasilien festgenommen worden seien. Vielleicht hing es damit zusammen. Giacomo und ich brauchten 45 Minuten. Für den Rückweg verriet uns Pollyana einen kürzeren Weg, allerdings mußten wir auch dort einen kleinen Umweg nehmen, weil ein Ausgang nur für Fahrzeuge und einer für Fußgänger war (den aber Autos auch benutzen durften).

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Blick auf Rio von Santa Teresa

 

Am Freitag war „lockdown“, das ist die ultimative Sicherung der Gebäude bzw. Venues. Alles wird gefilzt und nach dem „lockdown“ sind strenge Sicherheitskontrollen in Kraft. Am Samstag führte das zu langen Schlangen am MPC, auch, weil die Durchleuchtungsmachinen entweder nicht funktionierten oder bewußt nicht genutzt wurden und die Soldaten alles per Hand durchwühlten. Wir hatten am Freitag frei, damit der Security Sweep ungestört stattfinden konnte. Am Donnerstagabend hatten wir unsere ONS Party in einer Sportbar unweit der Copacabana, aber ein paar andere und ich sind um Mitternacht gegangen, weil wir am nächsten Tag nicht so spät aufstehen wollten. Von der Copacabana zu unserem Mediendorf ist es selbst ohne Verkehrstau eine Stunde Fahrt.

Wir wären am Freitag gerne zur berühmten Christus-Statue gefahren, dem Wahrzeichen Rios, aber da es bewölkt war, haben wir darauf verzichtet. Mit ein paar anderen war ich daher im Künstlerviertel Santa Teresa unterwegs, und wir hatten einen schönen Blick auf die Stadt. In Santa Teresa trafen wir noch auf unsere anderen Kollegen und marschierten zusammen wieder vom Hügel in die Stadt runter, über eine mit vielen Kacheln verzierte Treppe. Dieses Kunstwerk ist eine Touristenattraktion. Der Künstler, ein Chilene, wurde leider vor drei Jahren auf der Treppe ermordet. Den Tag ließen wir mit Souvenir-Shopping und einem Abendessen in der Nähe der Copacabana ausklingen.

Weil es schon spät war, brauchte der Bus nur knapp 50 Minuten zurück zum MPC. Allerdings durften wir dann etwa eine halbe Stunde auf unseren Anschluß ins Mediendorf warten. Busse über Busse standen auf dem Platz vor dem MPC, der „Main Transport Mall“ (MTM), aber es fand sich kein Fahrer für unseren Bus. Irgendwas war mal wieder schiefgelaufen. Ab Samstag sollen von der MTM aus Busse zu allen Veranstaltungsorten und zur Innenstadt sowie den Hotels und Mediendörfern fahren. Außerdem gibt es Shuttles in den Olympiapark und den Venues dort.

 

Am Samstag habe ich im MPC gearbeitet, an den Vorschauen für Judo und Taekwondo und an zwei Artikeln. In einem Artikel geht es um die Neuerung im Taekwondo, daß Sportler Hosen in Landesfarben tragen dürfen (bisher waren sie traditionell weiß). In dem anderen Artikel berichte ich über die Wahl des Fahnenträgers für die deutsche Olympiamannschaft, an der sich in diesem Jahr erstmals auch Fans und Sportler beteiligen können. Diese Artikel erscheinen im System „Info+“, das aber nur für akkreditierte Journalisten und die „Olympic Family“ zugänglich ist. Seit Samstag müssen wir auch unsere Uniform tragen, wenn wir im Dienst sind.

Anmerkung zum Thema Sicherheit: Der erste von uns wurde am Freitagabend Opfer eines Taschendiebs an der Copacabana. Aber zum Glück soll nicht so viel Geld weggekommen sein, habe ich gehört.

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Samstag war der erste Tag in Uniform für alle

 

 

 

 

Rio 2016: Endlich Zuckerhut und Copacapana!

Ich bin schon eine Woche in Rio, aber außer dem MPC (Main Press Center), dem Mediendorf und seiner unmittelbaren Umgebung hatte ich nichts gesehen. Daher nutzte ich den arbeitsfreien Mittwoch mit ein paar Kollegen zu einem Sightseeingtrip. Eigentlich wollten wir auf einen Aussichtspunkt in einer (befriedeten) Favela steigen, aber das Wetter war nicht so toll, bewölkt, es regnete sogar ein bißchen, so daß wir davon Abstand nahmen. Die Sicht wäre nicht so gut gewesen. Stattdessen sind wir direkt zur Copacabana gefahren. Das ist ja einer der berühmtesten Strände der Welt, und in der Tat eindrucksvoll. Schöner Sandstrand, ein paar Palmen, Sportgeräte sind aufgestellt, Beachvolleyballnetze, und obwohl keine Badewetter war, waren einige Leute am Strand und spielten, joggten oder saßen einfach am Ufer. Alles wirkte sauber, an der Promenade gibt es sanitäre Anlagen mit Toiletten, Duschen und Schließfächern für die Strandbesucher. Die fliegenden Händler, die allerlei Kitsch und Kram anbieten, erkannten uns natürlich gleich als Touristen, aber sie waren nicht zu aufdringlich und zogen sofort ab, wenn wir „nein, danke“ sagten.

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Die berühmte Copacabana

Wir liefen also an der Copacabana entlang, kehrten in einem kleinen Restaurant in einer Seitenstraße ein und marschierten noch bis zum Zuckerhut, der auf brasilianische „Pao Acucar“, also „Zuckerbrot“ heißt. Da es schon dämmrig wurde, verzichteten wir auf die Fahrt mit der Seilbahn auf den Gipfel. Am Freitag ist noch ein freier Tag, weil da alle Wettkampfstätten und das MPC „lockdown“ haben, d.h. alles gesichert wird. Hoffentlich haben wir schöneres Wetter und es klappt dann mit dem Zuckerhut oder den anderen Aussichtspunkten.

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Der Zuckerhut

Denn der Countdown läuft, es sind noch knapp zwei Wochen bis zur Eröffnung der Olympischen Spiele. In unserem Mediendorf und am MPC wird noch fleißig gewerkelt und jeden Tag wird es etwas „fertiger“. Als ich am Dienstagabend aus dem MPC zurückkam, bemerkte ich, daß der Busparkplatz im Dorf frisch geteert war. Am Abend vorher fielen mir die mit Rindenmulch aufgehübschten Freiflächen auf. Am MPC wurde der Bürgersteig gemacht.

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Unsere Truppe am Zuckerhut

In mein Apartment ist inzwischen noch Giuliana („Gigi“), eine Italienerin, die ich von vielen anderen Events her gut kenne und die gut Deutsch spricht, eingezogen. Zusammen mit ihr stellten wir die Möbel in ihrem und meinem Zimmer um, um etwas mehr Platz zu haben. Denn irgendwie waren die Möbel unpraktisch angeordnet. Außerdem haben wir jede einen nicht funktionierenden Fernseher dort stehen, den wir nicht brauchen.

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Wohnbereich in unserem Apartment

Wir hatten Tage lang Training im MPC, um uns mit dem System vertraut zu machen. Das „ICMS“ ist das Programm, in dem wir unsere Texte schreiben werden. Neu ist, daß dort auch Audiodateien hochgeladen werden können, und wir sollen dort die Aufnahmen der Pressekonferenzen einspeisen. Das System wird immer weiterentwickelt und ist schon viel nutzerfreundlicher geworden. Aber man sollte trotzdem aufpassen und immer alles gut speichern, denn es sind schon Texte auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Das zweite, wichtige Programm ist „Info+“, eine für die akkreditierten Medienvertreter und die „Olympische Familie“ zugängliche Plattform mit Ergebnissen, Statistiken, Hintergrundmaterialien und eben unseren Meldungen, Artikeln und Flash Quotes, die wir dort einspeisen werden. Auch hier gab es ein paar Neuerungen. Z.B. werden jetzt auch Flash Quotes per Twitter veröffentlicht, die oben genannten Audiodateien sind abrufbar, und wir verlinken unsere Artikel untereinander.

Unser „Olympic News Service“ hat sich an veränderte Bedürfnisse angepaßt. Die Rolle des „Supervisors“ ist abgeschafft worden. Insgesamt sind auch weniger Reporter im Einsatz, weil weniger Material produziert werden soll. Statt ellenlanger Vorberichte, in denen jeder mögliche Medaillenkandidat erwähnt wird, sollen wir kurze Artikel liefern, die sich auf das Wesentliche konzentrieren. Auch sollen die Flash Quotes besser werden, nichtssagendes Bla Bla sollen wir nicht mehr wiedergeben. Weniger ist mehr. Das sehe ich auch so. Dafür können wir mehr „News Artikel“, Features schreiben.

Unsere Chefs, Lucia Montanarella und Patrick Moares, erläuterten uns die Umstrukturierung von ONS, die auf dem Feedback der Medien beruht. Dann kam die Stunde der Wahrheit, als wir erfuhren, welchen Sportarten wir zugeteilt wurden. Zuerst war ich enttäuscht, denn ich sollte Turmspringen und Synchronschwimmen betreuen. Doch ausnahmsweise konnte ich mit meiner Kollegin Lena tauschen. Denn sie hatte bei den Pan-Am-Games schon über diese Sportarten berichtet, dafür aber nie über Judo, was sie machen sollte. Ich durfte also zu Judo und Taekwondo wechseln. Ringen ist leider auch noch dabei, ich denke, das werde ich zusammen mit meinem Kollegen Giacomo „beackern“.

Im MPC können wir in der Mitarbeiter-Kantine essen. Die Auswahl ist ganz gut, das Essen leider etwas fleischlastig. Aber es gibt immer Salat, Obst, Reis, Kartoffeln, rote Bohnen, Gemüse und den „Sand“, Farofa, das ist Maniok-Mehl, eigentlich relativ geschmacklos, aber die Brasilianer schütten es über ihr Essen, egal, was es ist. 😉

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Mittagessen in der Kantine

 

Natürlich ist der mögliche komplette Ausschluß des russischen Teams ein Thema bei uns. Mir tun die Sportler leid. Ich habe leider keinen Zweifel daran, daß in Rußland viel gedopt wurde. Aber nicht nur dort! In anderen Ländern ist es nicht besser. Außerdem hat nicht jeder einzelne Sportler gedopt, besonders belastet sind laut dem Bericht die Leichtathletik, Gewichtheben und Ringen sowie „nicht olympische Sportarten“. Dann einfach alle auszuschließe, fände ich unfair. Auch wenn die russischen Sportler am Ende teilnehmen dürfen, wird es sicher ein schwerer Wettbewerb für sie werden.

 

 

Rio 2016: Der Anfang

Jetzt bin ich also in Rio de Janeiro, zum ersten Mal in Brasilien und überhaupt zum ersten Mal in Lateinamerika, aber nicht zum ersten Mal beim Olympic News Service. Die Informationen flossen etwas spärlich am Anfang, aber kurz vor der Abreise aus Deutschland am 13. Juli kam doch noch meine Akkreditierung an sowie eine Mail mit Infos zur Unterkunft.

Ich nahm den Nachtflug, Frankfurt-Rio direkt, das war eigentlich ganz gut, zumal ich mir einen schönen Sitz reservieren konnte, in der ersten Eco-Reihe mit viel Beinfreiheit, denn es war eine Lücke zur Premium Economy davor. In der Dreierreihe blieb zudem der Mittelplatz frei. Die Mitreisende am Fenster entpuppte sich als eine sehr gut Deutsch sprechende Niederländerin, die seit 30 Jahren in Brasilien lebt und mir schon etwas erzählen konnte.

In der Zeitschrift „Focus“ las ich auf dem Flug einen reißerischen Artikel über die wachsende Kriminalität in Rio und die Hilflosigkeit der schlecht bezahlten Polizei. Die Sitznachbarin riet auch zu Vorsichtsmaßnahmen, also am besten keinen wertvollen oder auffälligen Schmuck tragen, nur das nötigste Geld mitnehmen etc. Ich weiß, daß die Leute oft auch immer davon sprechen, wie gefährlich Rußland sei, was ich aber gar nicht so empfinde, aber natürlich war ich schon verunsichert, wie gefährlich es nun wirklich ist. Wie soll ich ohne Ohrringe auf die Straße gehen???? 😉

Die Maschine landete kurz vor fünf Uhr morgens und ich traf einen Griechen, der für die Agentur AP arbeitet, an dem Stand, an dem wir unsere Akkreditierung „validieren“ lassen konnten. Wir teilten uns ein Taxi, das war recht teuer. Natürlich haben wir zu viel bezahlt, aber wir wollten nicht mit unserem Gepäck in Bussen herumgurken, zumal wir nicht genau wußten, wie wir zu unserer Unterkunft, dem Mediendorf Nummer 3 im Stadtteil Barra kommen sollten. Der Taxifahrer wußte es auch nicht genau, weil dieses Mediendorf brandneu ist, aber er fand es, nachdem er ein paar Anwohner fragte.

Unser Mediendorf besteht aus neun in freundlichen, beige gestrichenen sechsstöckigen Apartmenthäusern, einigen kleineren Gemeinschaftsräumen wie Restaurant, Fitnessclub und Wäscherei und hat sogar einen Swimmingpool und Spa mit Sauna und Whirlpool. Im kleinen „Dorfladen“ gibt es jede Menge Alkohol und Snacks, aber Wasser hatten sie zunächst nicht. Läßt das Rückschlüsse auf das Bild der Journalisten in Brasilien zu?

 

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Mediendorf Barra 3

Ich landete in Apartment 606, und soweit ich weiß, sind die fast alle gleich und bestehen aus drei kleinen Zimmern (eines davon ist ein Doppelzimmer), zwei Bädern mit Dusche und WC, einem Küchenbereich (mit Kühlschrank und Mikrowelle, aber kein Herd) und einem Wohnbereich mit einer Couch und zwei Schreibtischen. Wir haben gut funktionierendes W-Lan. Leider konnte man sich nicht ein Zimmer aussuchen (ich war als Erste angekommen und hätte die freie Auswahl gehabt), sondern bekam eines zugeteilt. Es ist das kleinste Zimmer, außer dem Bett paßt nicht viel hinein. Ich richtete mich erst einmal ein.

Im Apartment haben wir ein paar Kunststoffteller und -becher sowie Besteck. Am zweiten Tag kam  noch Spülmittel dazu sowie eine Seifenschale fürs Bad und ein Handtuchhaken, der aber nicht lange hielt. In den Schlafzimmern und im Gemeinschaftsraum hängen ein paar kleine Bilder, die mit Klebestreifen befestigt sind, aber auch das hielt nicht lange. Meine Bilder stehen nun auf dem Nachtisch bzw. auf dem Kopfteil des Betts.

Am frühen Nachmittag kam meine erste Mitbewohnerin, Lena Smirnova, eine Russin, deren Familie aber nach Kanada ausgewandert ist. Ich kannte sie flüchtig von anderen Events. Zusammen gingen wir in den Supermarkt, der ca. 15 Minuten Fußweg entfernt ist und kauften ein paar Kleinigkeiten ein.

 

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Gemeinschaftsflaeche im Mediendorf. Das niedrige Gebaeude rechts ist der Fruehstuecksraum.

In Supermärkten schaue ich mich in anderen Ländern immer gerne um, um einen Eindruck vom Lebensstandard zu bekommen. Mich überraschte, wie teuer manche Lebensmittel sind, teurer als in Deutschland. Dabei verdienen die Menschen weniger. Zum Beispiel kostete ein Schälchen Hüttenkäse umgerechnet 2,20 Euro – das gibt es bei uns für 49 Cent (bei etwa gleicher Packungsgröße). Ein Stück Käse (importiert) kostete gar 8, 80 Euro umgerechnet, und es war kein besonders großes Stück. Wie ich hörte, sind besonders importierte Waren sehr teuer, da mit hohen Zöllen belegt. Aber der Hüttenkäse war ein brasilianisches Produkt. Andere Sachen kosten etwa so viel wie in Deutschland, was für hier ja auch teuer ist, auch wenn ich weiß, daß die Lebensmittelpreise bei uns im internationalen Vergleich niedrig sind. Der Supermarkt machte insgesamt einen etwas heruntergekommenen, staubigen Eindruck.

Tag 2 begann damit, daß ich mit einigen anderen ins Uniformzentrum fuhr, um die Uniform zu bekommen. Da hatten wir unsere erste Erfahrung mit dem Verkehr und den Entfernungen in Rio, denn die Fahrt dauerte fast zwei Stunden. Wir fuhren mit Taxis, denn mit Bussen und der Metro hätte es noch länger gedauert, außerdem ist bei uns keine Station in der Nähe, und wir kannten uns ja auch nicht aus. Ich registrierte mich extra bei Uber, und das funktionierte sehr gut. Unser Uber-Taxi, das ich mit drei anderen teilte, kostete mit rund 20 Euro die Hälfte von dem, was die anderen bezahlt haben, die mit einem normalen Taxi gefahren sind.

 

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Die Ausruestung fuer Rio 2016

Das Uniformzentrum ist in Lagerhallen für Karnevalswagen untergebracht, und wir sahen einige Figuren wie einen Indiander mit Pfeil und Bogen oder einen Adler. Wir hatten Glück und bekamen unsere Sachen schnell, ich erhielt die passenden Größen. Man kann alles anprobieren, und das ist auch ratsam, denn die Klamotten fallen höchst unterschiedlich aus und können nicht umgetauscht werden. Während wir im Uniformzentrum auf unsere Kollegen warteten, deren Taxi deutlich länger brauchte als unseres, konnte ich mich mit den Katzen beschäftigen, die auf dem Gelände herumstreunen.

Im Grunde ist die Ausrüstung bei solchen Events immer ähnlich, manchmal gibt es etwas mehr und bessere Sachen, manchmal ist es etwas bescheidener. Rio ist so in der Mitte, würde ich sagen. Diesmal ist nicht Adidas der Ausstatter, sondern die chinesische Firma 361°.  Unser Uniformset besteht aus drei Polohemden in gelb-gruen, zwei ockerfarbenen Hosen, einem Stoffguertel, drei Paar Sneaker-Socken, einer Jacke, einem Regecape, einem Paar gruener Turnschuhe, einer kleinen Tasche, Plastikflasche und Flaschenclip (zur Befestigung am Guertel oder der Tasche). Die Farben finde ich nicht so toll. Wie schon bei manchen anderen Spielen sind die Farben den Funktionen zugeordnet. Alles was die „operativen Taetigkeiten“ betrifft traegt dieses Gelb, medizinisches Personal hat Rot, Offizielle wie Schiedsrichter Blau und wer fuer Zuschauer zustaendig ist, hat Gruen. Das Hemd ist aus Polyester, also nicht so angenehm zu tragen, aber es wird schnell trocknen, wenn man es waescht.

Vom Uniformzentrum fuhren wir ins Main Press Center (MPC), wo wir weitere Kollegen trafen und unsere Login-Details für unsere Rio-E-Mail-Adresse sowie das Programm bekamen, in dem wir später unsere Artikel verfassen. Jeder richtete so sein Konto ein. Bei mir klappte alles und das System unterscheidet sich nicht wesentlich von früheren Versionen.

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Schwimmbad im Mediendorf Barra 3

Fuer Sightseeing war noch keine Gelegenheit, aber ich hoffe, die kommt noch. Ein bisschen nervt es, dass es frueh dunkel wird und man gerade als Frau nicht alleine unterwegs sein sollte, schon gar nicht, wenn es dunkel ist. Aber unsere Teamkollegen, die z.T. schon seit vier Jahren in Rio leben, weil sie hier die Spiele vorbereiten, sagten, sie seien nie ueberfallen worden, aber sie beachten eben gewisse Vorsichtsmassnahmen. Eine verteilt ihr Bargeld auf verschiedene Hosentaschen und geht ohne Handtasche auf die Strasse und sie faehrt nicht mit dem Bus. Aber das sind schon gewisse Einschraenkungen, an die ich mich erst gewoehnen muss.

Buchpräsentation in Chemnitz und in Oberstdorf

Im Juni habe ich an zwei Wochenenden das Eislaufbuch „Ein perfektes Paar. Aljona Savchenko und Robin Szolkowy“ in Chemnitz und in Oberstdorf vorgestellt, einmal mit Robin und einmal mit Aljona. Natürlich wäre es am idealsten gewesen, eine Präsentation mit beiden Sportlern zu machen, aber sie haben beide volle Terminkalender und sind eben nicht mehr zusammen unterwegs. Robin arbeitet als Trainer im In- und Ausland, Aljona jettet mit ihrem neuen Partner Bruno Massot zu Shows nach Korea, zum Training nach Florida und Frankreich und ist zwischendurch mal wieder in Oberstdorf. Da den richtigen Zeitpunkt zu finden, ist gar nicht so einfach (zumal ja auch ich viel unterwegs bin).

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Mit Robin in Chemnitz nach der Präsentation Photo: M. Zwarg

Aber es hat geklappt, die Sportler haben wunderbar mitgemacht und die Leute vor Ort uns unterstützt. Es hat jedenfalls viel Spaß gemacht, wir hätten uns nur ein wenig mehr Publikum gewünscht, aber dazu komme ich noch.

In Chemnitz war die Buchvorstellung in das Sommerfest des Chemnitzer Eislauf Clubs (CEC) integriert. Eigentlich war das die perfekte Bühne, denn in Chemnitz haben Aljona und Robin elf Jahre lang trainiert und waren in der Eishalle quasi „zu Hause.“ Der Chemnitzer Verlag schickte einen Promoter und baute einen Stand auf, der Verein organisierte einen Beamer und Leinwand, denn ich wollte ja zwei Programme  vorspielen. Das hat mit dem Beamer so toll funktioniert, dass ich mir gleich ein Minimodell gekauft habe, das ich bei künftigen Lesungen etc. einsetzen kann.

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Videovorführung bei der Präsentation

Der Verlag warb kräftig mit Anzeigen in der zu ihm gehörenden „Freien Presse“ (größte Tageszeitung in der Region). Um möglichst viele Menschen zu erreichen, boten wir zwei Präsentationen an, am Nachmittag kurz nach Beginn des Fests und am frühen Abend. Die erste Präsentation war sehr gut besucht, der Raum voll. Der CEC hatte dafür den Ballettraum umfunktioniert und Stühle aufgestellt. Matthias Zwarg, der Leiter des Buchprogramms im Chemnitzer Verlag, moderierte  die Lesung. Wir spielten die Kür von Warschau 2007 ab, als Aljona und Robin ihren ersten EM-Titel gewannen. Diese Kür war ein Höhepunkt ihrer Karriere, ein makelloses, wunderbares Programm zum „The Mission“ Soundtrack. „Ich hatte Gänsehaut, als wir die Kür angeschaut haben“, sagte Robin später zu mir. Ich las die entsprechende Passage aus dem Buch, das ist sowieso eine meiner Lieblingsstellen, insbesondere, als Robin seine Mutter im Publikum entdeckt und gar nicht wusste, dass sie nach Warschau gekommen war.  Robin und ich beantworteten anschließend Fragen des Publikums, danach signierten wir Bücher.

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Bücher signieren nach der Lesung

Viele der Besucher hatten das Buch schon längst gekauft und zum Signieren mitgebracht. Bei der zweiten Präsentation waren weniger Zuhörer da, weil das Vereinsfest langsam ausklang, aber zum Beispiel war die aktuelle Deutsche Meisterin Lutricia Bock gekommen. Diesmal zeigten wir die Kür „Pina“, auch eines meiner liebsten Programme von Aljona und Robin, vom Grand Prix Finale im Dezember 2011. Ich las aus dem Kapitel „Pina“, unter anderem geht es darin um den dreifachen Wurfaxel.

Die Lesung war gelungen, dass insgesamt weniger Leute als erhofft kamen, lag vielleicht auch daran, dass mit viel Aufwand das Fußballstadion in Chemnitz neu eröffnet wurde und es zwischendurch auch mal heftig regnete. Das hat dann vielleicht doch den einen oder anderen abgeschreckt, sich auf den Weg ins Eisstadion zu machen. Ein ganz herzliches Dankeschön geht natürlich an die Buchhändlerin Conny Oehler aus St. Egidien bei Chemnitz, die unseren Büchertisch die komplette Zeit über besetzt  und auch noch andere Eislaufbücher mitgebracht hat. Sie hatte mich angeschrieben, nachdem sie das Buch gelesen hatte, es kam gleich ein sehr guter Kontakt zustande.

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Mit Aljona bei der Präsentation im Loft

Eine Woche später wiederholten wir das Procedere in Oberstdorf mit Aljona. Diesmal allerdings waren wir nicht in der Eishalle, sondern im Loft, einem Kino mit Eventgastronomie. Die Location war super, hier spielen wir die Videos auf einem großen TV-Bildschirm ab, auch das klappte sehr gut, dank Alexa Schwendinger und ihres Teams im Loft. Aljonas Manager Otto-Mäx Fischer moderierte, und auch der Präsident des ECO Oberstdorf, Thomas Löffler, sagte ein paar Grußworte. Ich fing wieder mit Warschau an, denn dieses Programm liegt auch Aljona besonders am Herzen. Für die zweite Textstelle nahm ich diesmal den „Pink Panther“, die Kür der Saison 2010/11, denn das ist ein Programm, mit dem sich Aljona immer ganz besonders identifiziert hat. „Bis heute kommen noch Kinder zu mir und fragen nach dem Pink Panther“, sagte Aljona. Auch in Oberstdorf hatten wir einige Zuhörer, aber es hätten mehr sein können. Zwar hat die Lokalzeitung die Lesung angekündigt, aber die Werbeplakate des Verlags trafen erst am Montagmorgen, also am Tag der Veranstaltung ein. Meine Freundin Irene und ich haben sie zwar noch mit der freundlichen Unterstützung der Eismeister in der Halle aufgehängt und auch das Oberstdorf Haus nahm vier, aber es war natürlich eigentlich zu spät. In der Eishalle wusste jedenfalls kein potenzieller Interessent, den wir ansprachen, etwas von der Lesung. Andererseits gab es in der „Lounge“ im Loft gar nicht so viele Plätze für Zuhörer, wären noch mehr gekommen, hätten die Leute stehen müssen (ein paar standen auch oder waren auf der Empore).

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Aljona signierte fleißig Bücher

Beide Präsentationen waren gelungen, den Leuten hat es offensichtlich gefallen und es wurden auch mehrere Bücher verkauft. Und für künftige Veranstaltungen habe ich wieder etwas gelernt – noch mehr versuchen, nichts dem Zufall zu überlassen.

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Aljona und unser Buch

Die Marketing-Maschine

Bücher verkaufen sich leider nicht von alleine. Das ist klar. Und in gewisser Weise macht das Marketing ja auch Spaß, aber es ist manchmal mühsam und in jedem Fall zeitaufwendig. Es kann auch frustrierend sein, wenn ich den Eindruck habe, dass das alles nichts oder nur wenig bringt. Aber es führt kein Weg daran vorbei.

Welche Möglichkeiten habe ich, was nutze ich und was funktioniert und was nicht?

Meine Homepage soll der Hauptanlaufpunkt für Interessenten sein. Sie ist ohne viel Schnickschnack, aber ich glaube, sie ist ganz in Ordnung. Jedenfalls sollte jeder Besucher eigentlich dort alles finden, was er braucht. Die Homepage zu pflegen kostet nicht so viel Zeit, nerviger war das Einrichten, aber inzwischen komme ich mit dem System ganz gut klar, auch ohne tiefgehende Kenntnisse. Wichtig ist, dass sie aktuell ist, also sollten keine veralteten Termine darauf stehen oder überholte Informationen. Das macht gleich einen schlechten Eindruck.

Facebook & Twitter

Neben der Homepage bin ich auf Facebook und Twitter aktiv. Twitter ist nach meiner Erfahrung eher ein Instrument der Kommunikation untereinander und des Verbreitens von Neuigkeiten, aber für die Werbung nur bedingt geeignet. Ich stelle jedenfalls keine große Resonanz auf Tweets fest, mit denen ich etwas bewerben möchte. Ich überprüfe auch mein eigenes Verhalten: auf welche Links klicke ich? Wie häufig? Was spricht mich an? Ich klicke nicht auf viele Links, und das ist bei Twitter ganz normal.

Manche Leute tweeten immer wieder dasselbe und das stört mich. Ich folge einer Autorin, die in schöner Regelmäßigkeit auf die selbst gehäkelten Kissenbezüge ihrer Freundin hinweist. „Schaut doch mal rein“. Nein. Ganz bestimmt nicht. Ich hatte deswegen schon überlegt, der Frau nicht mehr zu folgen. Was mich nervt, nervt vielleicht auch andere. Also vermeide ich so etwas und versuche eher, den Hinweis auf mein Buch mit irgendetwas zu verbinden, das Neuigkeitswert hat, z.B. einer Veranstaltung. Ich habe ein sehr zweigeteiltes Twitter-Publikum. Zum einen die Eiskunstlauffans, zum anderen die Autoren. Vor einem Jahr bei der Autorenrunde in Leipzig habe ich eine Social-Media-Expertin gefragt, ob es besser wäre, diese Gruppen zu trennen, also quasi einen Twitterkanal für die Eiskunstlauffans und einen für die Autoren anzulegen. Sie meinte, das sei nicht nötig. Zum Glück! Ich hätte keine Lust, zwei Twitter-Accounts beobachten und bespaßen  zu müssen. Außerdem habe ich dank des Eiskunstlaufs viele Follower, und das sieht schon mal ganz gut aus.

Das nächste ist Facebook. Hier habe ich zwei Seiten angelegt, die private und die Autorenseite, außerdem eine Seite für den Fantasyroman „Im Zeitschatten von Mondthal“ (für den es auch eine kleine eigene Homepage gibt). Manchmal überschneiden sich die Inhalte. Ich habe auch schon Werbung auf Facebook geschaltet. Hat es was gebracht? Schwer zu sagen. Aber wieder schaue ich auf mein eigenes Verhalten: ja, ich habe schon auf Links in Anzeigen geklickt, die bei mir auftauchen. Ich habe sogar einmal ein Buch gekauft, das mir so angeboten wurde. Eine Autorenkollegin hat richtig viel Werbung mit Facebook gemacht und viel erreicht. Aber dafür sind schon einige Investitionen nötig. Facebook insgesamt gefällt mir ganz gut, und ich habe das Gefühl, dass ich so doch einige Leute erreiche. Auf Instagram und Google+ bin ich nicht aktiv. Irgendwo muss ich eine Grenze ziehen. Neulich habe ich mich bei LinkedIn angemeldet und ein Profil eingerichtet und ein paar Kontakte gesammelt. Bei Xing bin ich auch, aber das habe ich sehr vernachlässigt.

Schließlich habe ich noch ein paar andere Websites, auf denen ich Infos einstelle, wie den Veranstaltungskalender der edition Oberkassel oder das Autorenprofil bei Amazon und bei der Autorenwelt. Und natürlich habe ich diesen Blog!

Offline unterwegs

Das Internet ist zwar der größte Spielplatz, aber auch offline gibt es was zu tun. Veranstaltungen sind eigentlich immer eine gute Sache. Aber sie müssen organisiert werden und es muss sich jemand dafür interessieren. Ich habe im April eine Lesung mit dem BVjA Bonn gemacht, im Mai war ich bei der Lesung des Autorentreffens in Nürnberg dabei, Anfang Juni war ich am Stand des 1. Internationalen Autorentags in Frankfurt und jetzt kommen noch zwei Buchpräsentationen mit Aljona Savchenko bzw. Robin Szolkowy. Beim Eislaufbuch ist vieles einfacher, da ich zwei prominente Sportler habe, die mich bei solchen Veranstaltungen unterstützen und natürlich viel mehr Leute anlocken als ich das alleine könnte. Der Chemnitzer Verlag, in dem das Buch erschienen ist, leistet ebenfalls einiges und hat z.B. Plakate für die Buchpräsentationen erstellt und sorgt für die Technik bei der Veranstaltung in Chemnitz. Der Eislaufclub bietet im Rahmen seines Sommerfests eine ideale Bühne, auch dafür bin ich dankbar. In Oberstdorf habe ich andere Partner gefunden, die etwas auf die Beine stellen. Aber ohne die Sportler wäre das alles nicht gegangen.

Bei den lokalen Medien hatte ich bisher vor allem beim Bonner General-Anzeiger Erfolg, das ist die wichtigste Zeitung in meiner Stadt. Bei lokalen Buchhandlungen ist es schon schwieriger. Ich habe mehrere kontaktiert, in einem Fall gab es eine positive Rückmeldung, und zwar von Bücher Bosch in Bad Godesberg, die meine Titel der edition Oberkassel vorrätig haben. Andere Bonner Buchhandlungen haben mir nicht einmal geantwortet. Das ist eigentlich das, was mich am meisten enttäuscht hat. Ich bin es ihnen nicht einmal wert, dass sie mir kurz antworten und sagen, dass sie kein Interesse haben.

Buchhandlungen sind ein schwieriges Pflaster für Autoren in kleinen Verlagen und erst recht für Selfpublisher. Ich mache deswegen bei dem Projekt „Wortwerke“ mit. Hier können Autoren gegen Gebühr ihre Bücher in die Wortwerke-Buchhandlungen einstellen lassen, bekommen aber im Fall des Verkaufs den kompletten Erlös (also ohne den Abzug eines Buchhandelsrabatts). Mittlerweile hat Wortwerke drei Filialen, aber alle in Norddeutschland. Das ist schade, denn sie organisieren Events wie Lesungen. Obwohl sich das Engagement bei Wortwerke bisher finanziell  für mich nicht gelohnt hat, habe ich mich dazu entschlossen, es sogar auszuweiten. Die Idee gefällt mir grundsätzlich und wer weiß, vielleicht verirren sich eher Krimi- als Fantasy-Leser in die Läden. Ich wollte dem Projekt für mich noch eine Chance geben.

Wenn ich mir das alles so anschaue, kommt doch einiges zusammen. Ich versuche zu analysieren, was für mich am besten funktioniert und ich will noch mehr ausprobieren – vielleicht klappt es ja mit einer Buchverlosung im Radio oder im Anzeigenblatt. Die Marketing-Maschine läuft weiter … Aber ich habe immer ein wenig Sorge davor, die Leute zu nerven und abzuschrecken. Das ist aus irgendeinem Grund schwer für mich einzuschätzen. Was ist zu viel, was ist zu wenig? Den Königsweg habe ich noch nicht gefunden.

So, und jetzt muss ich tweeten, dass ich diesen Blogbeitrag veröffentlicht habe. 🙂

Mein Moskau

Moskau und ich, wir kennen uns seit bald 30 Jahren. Im Sommer 1987, also noch zur Zeit der Sowjetunion, unternahm ich meine erste Reise nach Rußland. Mit meiner Schulfreundin Susanne und ihrem Cousin Martin waren wir aufgebrochen, um mit der Transsibirischen Eisenbahn nach China zu reisen. Das war ein tolles Abenteuer, wenn ich heute daran zurückdenke, kommt es mir fast vor wie als wären wir mit dem Orientexpress gereist. Zu dritt fuhren wir im Zug von Köln bis Budapest, von Budapest nach Moskau, von Moskau nach Peking, und wir hatten ein paar Tage Aufenthalt in der Hauptstadt der Sowjetunion, die sich etwas unbequemer gestalteten als gedacht.

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Blick auf Moskau von den Sperlingsbergen

Seitdem war ich fast jedes Jahr mindestens einmal in Moskau, auf der Durchreise, beim Eislaufen, bei Freunden. Es ist spannend zu beobachten, wie sich diese Stadt verändert hat, was sich verändert hat und was auch nicht. Damals, Ende der80er, erlebten wir noch die berühmten leeren Restaurants, an denen ein Schild hing „Keine Plätze frei“, obwohl sich nur ein paar Kellner zwischen den Tischen verloren, aus dem einfachen Grund, daß es nichts zu bestellen gab. Wir wollten in unserer Verzweiflung zu McDonalds, die erste Filiale in Rußland hatte auf dem Puschkin-Platz eröffnet, vielleicht war sie damals sogar die größte der Welt, wer weiß. Jedenfalls war sie nicht groß genug, um den Andrang zu bewältigen. Eine riesige Schlange wand sich über den Platz, im Zaum gehalten von metallenen Absperrgittern, und manche Leute verwahrten ihre mühsam ergatterten Cola-Plastikbecher und Burgerschachteln später als Trophäen zu Hause. Ich habe es selbst gesehen, sonst hätte ich es nicht geglaubt. Entmutigt drehten wir ab. Eine Stunde oder mehr anstehen für einen Cheesburger? Nein, danke! Wir deckten uns lieber mit Brot und Käse im Lebensmittelgeschäft ein – und staunten über die Umständlichkeit: erst an der Theke auswählen, abwiegen lassen, dann an der Kasse bezahlen und mit dem Bon die Ware an der Theke abholen. Heute gibt es an fast jeder Ecke in Moskau einen McDonalds, dazu natürlich noch alle möglichen anderen Imbisse und Restaurants, viele Ketten, die italienische, georgische, europäische, japanische, russische Küche offerieren. Aus Mangel wurde Überfluß, aus Eintönigkeit Vielfalt.

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Der Alexandergarten am Kreml

Selbst der Rote Platz hat sich verändert. Klar, der Kreml, die bunte Basilikus-Kathedrale, das Kaufhaus GUM und das Lenin-Mausoleum sind noch da, wo sie immer waren. Aber vor dem Mausoleum gibt es keine Schlange und keine Ehrenwache mehr und das historische Tor zum Roten Platz sowie eine kleine Kirche, die einst abgerissen wurden, sind wieder aufgebaut worden. Wir standen damals auch am Lenin-Mausoleum, um den berühmten Wachwechsel zu beobachten, den Soldaten im Stechschritt absolvierten. Es herrschte ein ziemliches Gedränge und Geschubse und Martin, ein großer, kräftiger Kerl, hatte irgendwann genug und herrschte einen der Drängler im schönsten rheinischen Dialekt an: „Hör et op, sonst schlach ich dir en Trepp in de Hals, da kannste das Essen rafftrage“ (man möge verzeihen, wenn ich es nicht ganz korrekt lautsprachlich wiedergebe). Die Umstehenden kapierten natürlich nichts, aber Susanne und ich konnten gar nicht mehr aufhören mit Lachen. Wir lachten Tränen, die anderen Leute wurden ärgerlich, wie konnten wir es wagen, die ernste Atmosphäre des hochheiligen Wachwechsels mit unserem Gelächter zu entweihen.

 

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Der Rote Platz mit Lenin-Mausoleum, Kreml und Basiliuskathedrale

Was sich kaum verändert hat, ist die majestätische Moskauer Metro, von jeher der Stolz der Hauptstadt, meiner Meinung nach einer der sichersten, saubersten und zuverlässigsten U-Bahnen der Welt. Ich glaube, ich habe noch nie gesehen, daß jemand auch nur ein Bonbonpapier auf den Boden geworfen hätte. Die prächtigsten Stationen sind die alten, insbesondere auf der Ringlinie, Tempel aus Marmor, hohe Hallen gepflegt, geputzt, gewienert, mit Mosaiken, Reliefs oder Skulpturen verziert, mit großen, breiten, glatt gesessenen Holzbänken versehen. Die neueren Stationen am Rand sind schlichter und rein funktionell. Erst kürzlich renoviert und in alter Pracht wieder hergestellt wurde die Station „Prospekt Mira“ auf der Ringlinie. Etwa 20 Stunden am Tag, von halb fünf in der Früh bis ein Uhr nachts, donnern die Züge durch das wachsende Netz, zu Spitzenzeiten im Minutenabstand. Auf vielen Linien verkehren noch die alten grünlichen Waggons mit den braunen Lederpolsterbänken, dazwischen sieht man neue und auch immer mal wieder Sonderwaggons, die einem Thema gewidmet sind. Wie früher noch da sind die Aufsichten am Ende der oft meterlangen Rolltreppen, die per Lautsprecherdurchsagen Passagiere ermahnen, sich richtig einzuordnen. Jede Menge Wach- und Putzpersonal bevölkert die Metro. Die Modernisierung macht vor der Metro jedoch nicht halt: In einigen Zügen gibt es mittlerweile sogar WiFi und statt mit Jetons (oder ganz früher der berühmten 5-Kopeken-Münze) zahlt man heute mit Karte.

 

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Die Lomonossov Universität

Natürlich wurde in Moskau viel gebaut, entstanden in den Boomjahren spiegelverglaste Hochhäuser, luxuriöse Apartmentgebäude, neue Sportstadien. Immer noch ragen an vielen Stellen Baukräne in die Höhe. Dazwischen aber haben genauso noch die alten Häuser ihren Platz, die prachtvollen der Stalinära, die einfacheren der Chrushchev-Zeit und die wuchernden Plattenbauten am Stadtrand, die schon abbruchreif aussahen, kaum nachdem die ersten Bewohner eingezogen waren. Die berühmten Innenhöfe sind heute oft kleine Parkanlagen mit gepflegten Spielplätzen statt vernachlässigte Grünflächen voller Unkraut. Einige Moskauer haben kunstvolle Vorgärten angelegt. Überhaupt ist Moskau viel lebenswerter geworden, entstanden Fußgängerzonen mit Bänken und Brunnen, Grünanlagen mit Blumenbeeten. Sauberer ist es geworden, ich weiß noch, wie dreckig und versmogt die Luft vor einigen Jahren war, das hat sich auf jeden Fall gebessert. Es gibt sogar – undenkbar früher – Fahrradstationen mit Leihrädern. Das muss ich auf jeden Fall einmal ausprobieren, allerdings sind bisher nur wenige Radwege angelegt worden. Verkehrsinfarkt und Stau gehören nach wie vor zum Alltag der Moskauer.

 

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Das Kaufhaus GUM

Fast genau 29 Jahre nach unserer großen Reise mit der Transsib waren meine Schulfreundin Susanne und ich jetzt im Mai wieder zusammen in Moskau. Sie war mit ihrem Mann auf dem Weg zum Baikalsee zu einem Tauchurlaub mit Zwischenstation in der russischen Hauptstadt. In Deutschland hatten wir uns seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen, aber der Kontakt riss nie ganz ab. Es war lustig, wieder zusammen über den Roten Platz und durch das GUM zu bummeln. Susanne war seit damals nicht mehr in Moskau gewesen und hatte kaum Erinnerungen an die Stadt, hatte sie nur als grau im Gedächtnis. Wir standen vor dem nun unbeachteten Lenin-Mausoleum und lachten wieder über Martins Spruch.

 

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Mit meiner Freundin Susanne in Moskau

Damals übrigens hatten wir auf der Rückreise ein paar Tage Aufenthalt in Moskau und mussten am Jaroslawer Bahnhof übernachten, mit anderen gestrandeten Reisenden, denn als „Westler“ ließ man uns nicht in die billigen Hotels für Einheimische, Hostels gab es noch nicht und die Devisenhotels wie das „Intourist“ waren uns zu teuer. So campierten wir neben Tadschiken und anderen Sowjetbürgern, nachts aufgescheucht von der Putzkolonne und zogen tagsüber durch die Stadt. Ich weiß noch, wie ein junger Mann aus dem Baltikum uns am Bahnhof ansprach, er kam aus Litauen, als er uns Deutsch reden hörte. „Aus welcher Republik kommt denn ihr?“ Er meinte natürlich Sowjetrepublik und staunte nicht schlecht, als ich ihm Martins Antwort übersetzte: „Aus der Bundesrepublik.“

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Kremlturm

Auf der Photoseite sind noch ein paar mehr Bilder aus Moskau.